Ausstellung „Zwangsarbeit“ auf der Zeche Zollern

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Diffamierend. Ein deutscher Uniformierter, vermutlich ein SS-Angehöriger, schikaniert einen Juden im besetzten Polen, Herbst 1939. Kinder schauen zu. Das Foto wurde 1939 im NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ veröffentlicht. Die Kinder wurden nicht gezeigt. Das Foto ist in der Zwangsarbeiter-Ausstellung in Dortmund zu sehen. ▪1

Von Achim Lettmann ▪ DORTMUND–Rot, Gelb, Blau, spitz gezeichnet und grafisch umgesetzt, so modern kommt ein „Arbeitsnachweis“ vom Judenrat des Ghetto Litzmannstadt daher.

1942 versuchten polnische Juden die Deportation ins KZ abzuwenden, indem sie der Wehrmacht belegten, wie nützlich sie für die deutsche Kriegswirtschaft waren: „54 600 Taghemden, 51 940 Khakihemden, 1000 Trikots...“ in zwei Jahren. Die Strategie ging nicht auf. Das Ghetto (1940–44) überlebten nur 7000 Menschen. 253 000 wurden ermordet. Eine Ausstellung auf der Zeche Zollern in Dortmund zeigt, welche Formen von Zwangsarbeit die NS-Wirtschaft aufmachte. Ab Sonntag dokumentiert die präzise und aufklärende Schau die Geschichte eines Verbrechens. 20 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden zur Arbeit für Deutschland gezwungen: „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg.“

Die Zahlen sprechen für sich. Allein in Dortmund waren 1943 rund 30 000 Zwangsarbeiter beschäftigt. Es gab 300 Lager in der Stadt und eine Außenstelle des KZ Buchenwald. Ab 1942 leben 13 Millionen Zwangsarbeiter im NS-Staat. Für den Kurator der Ausstellung, Rikola-Gunnar Lüttgenau, waren an dem „Gesellschaftsverbrechen“ viele Deutsche beteiligt. Für den Historiker ging es bei der Zwangsarbeit nicht um ein Wissen um, wie bei den Konzentrationslagern, sondern um Erfahrungen mit den Ausländern. Wie wurden Italiener, Polen, sowjetische Kriegsgefangene und Juden behandelt, ist eine Kernfrage der Ausstellung. Maßstab dafür war, so Lüttgenau, der NS-Rassismus, der die Menschen klassifizierte. Ein Serbe wurde nach Norwegen transportiert, um bei „nordischen“ Menschen zu dienen. Ein Westeuropäer trug bei BMW in Allach (bei München) ein „Z“ für Zivilarbeiter auf dem Rücken. Er durfte nach Feierabend auch mal in die Stadt. „Ostarbeiter“, die auf einem westfälischen Bauernhof arbeiteten, waren oft isoliert und von der Menschlichkeit des Bauern abhängig. Auf einer Postkarte an den Soldaten Klaus Meyer stand am 11.4.1942, wie auf einem Hof bei Kiel-Widorf mit sechs Polen verfahren wurde, die am Sonntag nichts tun wollten. „Als sie die Peitsche zu spüren bekommen hatten, konnten alle tüchtig laufen.“ Dass es auch anders ging, zeigt ein Foto aus New York. 1967 bekam Eberhard Helmrich Besuch von Irene Feit und Suzi Bezalel. Sie hatten für ein Flugticket gesammelt, mit dem ihr Retter nach Israel fliegen konnte, um als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt zu werden.

Nach Berlin und Moskau wird die Ausstellung in Dortmund gezeigt, bevor sie nach Warschau geht. Die Initiative kam von der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache. Und für Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) ist das Wissen um NS-Verbrechen eine Voraussetzung, um dem Rechtsnationalismus zu begegnen. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe fördert die Schau und holte sie in die „Alte Werkstatt“ des Industriemuseums Zeche Zollern.

Im Ruhrgebiet waren 350 000 verschleppte Menschen in den Rüstungsbetrieben und im Bergbau tätig, also 40 Prozent der gesamten Belegschaft. Nachdem die Blitzkriegsstrategie 1942 gescheitert war, stellte der NS-Staat auf Kriegswirtschaft um. Albert Speer wurde Rüstungsminister. Fritz Sauckel übernahm den „Arbeitseinsatz“. Zum Beispiel wurden sowjetische Kriegsgefangene im Ruhrbergbau eingesetzt, weil man glaubte, dass sie in den Stollen besser beaufsichtig werden konnten. Es gab auf einigen Zechen „Russenstrebe“, wo keine Deutschen arbeiteten. Fotos zeigen, dass die Russen nur Holzschuhe trugen und Lappen an den Händen hatten. Es gab keine bergmännische Ausrüstung. Ein Schriftverkehr dokumentiert, dass sich Behörden, Wehrmacht und die Reichsvereinigung Kohle 1944 gegenseitig beschuldigten: „Arbeitskräfte werden verwirtschaftet“, das heißt, dass „Ostarbeiter“ massenhaft erkrankten und starben.

Die Internationale Wanderausstellung „Zwangsarbeit“ der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wird von der Stiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) unterstützt. Erst seit dem Jahr 2000 erkennt Deutschland Zwangsarbeit als Unrecht offiziell an. Vorher wurde Zwangsarbeit als typisch für Kriegs- und Besatzungsherrschaft abgetan. Auch Entschädigungen seien lange verweigert worden, sagt Martin Bock von der EVZ. Dass die Schau so informativ und ergreifend ist, liegt auch daran, dass Zeitzeugen mitgeholfen haben. Ihre Geschichte ist an vielen Audiostationen der didaktisch hervorragenden Präsentation zu hören.

Zwangsarbeit auf der Zeche Zollern in Dortmund.

Eröffnung am Sonntag, 18. 3. um 11 Uhr, bis 30. September. di – so 10 bis 18 Uhr;

Tel. 0231/ 6961 111. www. ausstellung-zwangsarbeit.lwl. org; Begleitbuch 19, 80 Euro.

Die Zeitzeugen Marian Turski, Jean Chaize, Vera Friedländer und Gabriela Turant sind bei der Eröffnung zu Gast.

Quelle: wa.de

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