Ausstellung „Zu(m) Tisch!“ in Oberhausen

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Versammelt um den Tisch: Anna, Maria und Christus im Bild des Meisters von Frankfurt.

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Als stummer Diener steht er im Mittelpunkt, verbindet die Heilige Anna, Maria und das Christuskind auf der Mitteltafel des Van-Beest-Triptychons.

Aber der Tisch ist nicht nur Möbel, sondern zugleich Bühne für ein Symboltheater der Dinge. Silberschale und Messer verweisen auf die Passion ebenso wie die Vögel, die der Legende nach die Leiden des Herrn am Kreuze linderten – der Kreuzschnabel soll die Nägel aus dem Holz gezogen haben. Kirschen sind Paradiesfrüchte und zugleich – wegen der Blutfarbe – Leidenssymbole. Und der Affe, der dem Vogel einen Apfel anbietet, steht für den Verführer im Paradies. Im minuziös als bürgerliches Möbel ausgeführten Tisch konzentrierte der Meister von Frankfurt um 1509 eine Fülle von frommen Botschaften.

Der Tisch steht auch im Blickpunkt einer reichen Ausstellung der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. „Zu(m) Tisch“ bietet Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Videos von 60 Künstlern von der Antike bis in die Gegenwart. Die Ausstellung versteht sich als Abrundung zur Aktion „Stillleben Ruhr“, bei der die A 40 gesperrt und einen Tag lang zum Erlebnisraum werden soll. Auch in Oberhausen wird getafelt – und es soll die reiche Ikonographie des Objekts umrissen werden.

Es ist ein Gang durch die Kunstgeschichte vom antiken Griechenland bis in die Gegenwart. Am Anfang der Tisch-Kunst steht die rituelle Nutzung des Möbels. Auch der Altar ist ja ein Tisch, und im Gemälde des Meisters von Frankfurt steht der bürgerliche Tisch schon in einem sakralen Zusammenhang. Das letzte Abendmahl ist ohne Tisch undenkbar, so sehr, dass Ben Willikens in seinem 2009 entstandenen Triptychon in einen neutralen, aber erkennbar modernen Raum einfach eine lange Tafel malen kann. Der Betrachter erkennt das Arrangement aus Leonardos berühmtem Fresko sofort. Man findet es verändert wieder im Holzschnitt bei Dürer (1508/09) und im Relief in einem Klappaltärchen (Augsburg, um 1620). Die Bibel ist voller Tafelszenen, sei es im Emmausmahl, das Dürer in einem Holzschnitt zeigt, in der Geschichte von Lazarus und dem reichen Prasser auf einem flämischen Relief und sogar bei Frans II. Franckens Gemälde (1615) von Salome, wo das Haupt von Johannes dem Täufer auf einem Tisch ein Festmahl makaber dekoriert.

Aber es gibt auch den Tisch als Arbeitsplatz, sei es beim Eremiten Hieronymus in einer Radierung nach Dürer, sei es in Wolfgang Tillmans' Fotografie „Sammlung“ (2006) aus dem Labor eines Botanikers, sei es bei Richard Artschwagers Gemälde „ICS – Computer Center“ (1969), das die schier endlosen Schreibtischreihen eines Großraumbüros wie eine Wüstenlandschaft ausbreitet.

Es gibt den Tisch als Ort von Mahlzeiten und Festen. In Oberhausen steht dafür eins der berühmten Fallenbilder von Daniel Spoerri, „Nachtisch“ (1991), bei dem Teller, Tassen, Schnapspinnchen, Servietten und Ascher auf der Platte fixiert und die dann an die Wand montiert wurden. Hier kann Museumsdirektorin Christine Vogt endlich einmal eine Auswahl der exquisiten Bestecke und Porzellane der Ludwig-Sammlung präsentieren, wie die „Schaugerichte“ von Paul Anton Hannong (1754-62), Salat, Oliven, Rettich als naturalistische Porzellanformen auf Tellern. Oder die Gabeln und Messer mit den kunstvollen Elfenbeingriffen. Dazu gehört auch die fragwürdige Fastfood-Gastlichkeit, die der US-Maler Ralph Goings 1977 fotorealistisch in seinem Thekenbild „Unadilla Diner“ schildert.

Auch als Spielfeld wird der Tisch zum Kunstthema, sei es in den großartigen Fotos durch die Glasplatte, mit denen Otto Umbehr 1935 Kartenspieler aufnahm, sei es im Genregemälde von Jan Olis aus dem 17. Jahrhundert, das Tricktrackspieler zeigt. Hinzu kommen die skurril-surrealen Inszenierungen der Aachener Künstlerin Claudia Breuer, die aus Käse, Wurst und präparierten Insekten Panoramen bastelt: Ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel und eine Pokerrunde in einem ausgehöhlten Brötchen.

Im geschickten Wechsel der Medien und der Genres umreißt die Schau ihr Thema, von der antiken Schale bis zum Video, in dem Guy Ben-Ner mit seiner Tochter „Moby Dick“ verfilmt – in der heimischen Küche, am Tisch eben. Manches Mal überlistet die Kunst das Auge – bei Tom Wesselmanns „Stahlzeichnung“ (1986) ebenso wie bei Günter Weselers schäbigem Tisch mit Tonteller und einem angeschnittenem Brot (1975), in denen seltsam pelzige „Atemobjekte“ sich unheimlich bewegen.

Bis 12.9., di - so 11 - 18 Uhr, Tel. 0208/ 4124 928,

http://www.ludwiggalerie.de

Katalog 29,80 Euro, im Buchhandel Kerber Verlag, Bielefeld, 39,80 Euro

Quelle: wa.de

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