Ausstellung „Zettels Traum“ in Wuppertal

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Mal hyperrealistisch, mal flüchtig hingesetzt: Giovanni Baptista Tiepolo schuf um 1750 das eigenwillige Männerporträt, das in Wuppertal zu sehen ist. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Grobe Kreideschraffuren umreißen das Gesicht, dessen linke Seite ohne Kontur bleibt, sich auflöst im Muster des befleckten, vergilbten Papiers. Das, was wir sehen, formt sich vor dem inneren Auge mit höchstem Realismus, scheint sich plastisch aus dem Blatt zu erheben. Giovanni Baptista Tiepolo schuf um 1750 ein eigenwilliges Männerporträt, nicht nur, weil er es fragmentierte. Der italienische Meister verweigert uns den Blickkontakt zu seinem Modell. Die Augen hält der Mann geschlossen, scheint zu meditieren.

Eine ungewöhnliche Zeichnung ist da im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. Damit war das Blatt gerade richtig für Bernd und Verena Klüser. Die Münchner Galeristen handeln nicht nur mit Kunst, sie sammeln auch seit den 1960er Jahren. Ihr Interesse richtete sich zunächst auf die Gegenwart, auf Joseph Beuys, dessen Schüler Blinky Palermo, aber auch auf Andy Warhol und Sean Scully. Von ihnen trugen sie Zeichnungen zusammen, ein Medium, das nach den Worten Bernd Klüsers „unspektakulär“ ist, weil die Blätter „kaum zur Dekoration taugen oder das Sozialprestige erhöhen“. Sie aber reizt der Wert der Zeichnung als „demokratisches Medium“, in dem jeder Künstler mit einem Blatt Papier und einem Stift beginnt und seine wahren Qualitäten beweisen muss. Beuys vor allem erwies sich als Inspiration. Vor 15 Jahren erweiterte sich ihr Interesse auf alte Meister, auch, weil sie damals erheblich unterschätzt waren.

Die spektakuläre Sammlung wird erstmals ausgestellt in Wuppertal. Kein Zufall: Das Sammlerpaar stammt aus der Stadt. Und weil den Klüsers auch die Arbeit des Hauses gefällt, gaben sie ihre Schätze hierher. Der Titel „Zettels Traum“ verweist auf das Hauptwerk des Schriftstellers Arno Schmidt. Zugleich wird so das Hauptmerkmal der Zeichnung charakterisiert: Sie ist das spontane Notat einer Bildidee. So liefert die instruktive Schau mit 220 Exponaten aus 500 Jahren einen Gang durch die Kunstgeschichte mit außergewöhnlichen Bildern, die sich durch Gedankenreichtum und Originalität auszeichnen. Nichts ist hier museal verstaubt oder einem Kanon verpflichtet.

Gerade die – vor allem – italienischen Altmeister wurden ausgewählt wie moderne Kunst, ihre Qualität wurde nach ihrem Innovationspotenzial bemessen. Das ist reizvoll, zum Beispiel bei Taddeo Zuccaros Federzeichnung eines Satyrs aus dem 16. Jahrhundert. Das Fabelwesen stürmt von links in das Blatt, der Rand des Blatts schneidet einen Teil der Figur ab, die Leere gibt der Zeichnung Dynamik. Und dann der Arm, der in eigenartige, blasse Tuschlinien ausläuft: eine surreale Abstraktion. Guercino (1591–1666) gehört zu den Favoriten der Klüsers, und man muss nur ein Blatt wie „Pero und Cimon“ betrachten, um sie zu verstehen. Eine dramatische Geschichte um eine Tochter, die mit ihrer Muttermilch ihren Vater ernährt, der im Kerker verhungern soll. Der Künstler konzentriert sich auf die Oberkörper des Paares, und er fängt zugleich die Scham und die Tochterliebe der jungen Frau ein.

Freuen kann man sich an Blättern von Jan van Goyen, Alexander Cozens, Eugène Delacroix, Caspar David Friedrich und einer winzigen Nachtlandschaft mit Mond von Carl Gustav Carus. Aber die Schau weitet sich bis in die Gegenwart – der Platz reicht nicht, um die Schätze aufzuzählen. Vier herrliche Skizzen Ernst Ludwig Kirchners, eine hinreißende Serie mit Blättern von Alberto Giacometti, dazu Matisse, Klee, Beckmann. Ein Raum ist – natürlich – Beuys gewidmet, ein weiterer Palermo. Eine Wand wird von einer Serie Andy Warhols gefüllt mit Variationen eines Lenin-Porträts, mal als konzentrierte Skizze, dann wieder farbig, mit eincollagierten Partien. An anderer Stelle findet man frühe Blätter zum Beispiel von einem Mädchen im Elfenkostüm, deren Eleganz verdeutlicht, dass Warhol als Werbegrafiker begann.

Und wer sagt, dass Zeichnung kleines Format und dünner Strich bedeutet? In Wuppertal kann man entdecken, dass es auch anders geht. Stephan Balkenhol zeichnet seine lebensgroßen Figuren mit weißer Kreide auf Schultafeln. Mimmo Paladino schuf ein geradezu tänzerisches Figurenensemble, das 5,40 Meter breit ist. Und der britische Zeichner David Godbold übertrug sogar eine seiner altmeisterlich anmutenden Landschaften auf eine Wand des Museums. Zeichnung, das ist auch die Arbeit des belgischen Künstlers Jan Fabre, der ein mehr als zwei Meter hohes Blatt mit einem blauen Gewölk aus Kugelschreiberstrichen bedeckt und dann zwei Käfer, „Wandelnde Blätter“, darauf montiert.

Und Zeichnungen sind auch die monumentalen Bildtafeln der Frankfurterin Jorinde Voigt, die parallel gezeigt wird. Was zunächst wie abstrahierte Landschaften wirkt, sind grafische Darstellungen von Bewegungen, zum Beispiel dem Flug eines Adlers, oder von musikalischen Äußerungen. Manche Partien lösen sich in Schrift auf. Inwieweit hier wirklich Alltag in wissenschaftliche Grafik übersetzt wird oder nicht, ist nicht so wichtig, weil die Zeichnungen unmittelbar visuell wirken.

Eröffnung so, 11.30 Uhr. Bis 19.6., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202/ 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de

Katalog Zettels Traum, 2 Bde, 50 Euro,

Katalog Jorinde Voigt, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 25 Euro

Quelle: wa.de

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