Ausstellung „You don’t love me anymore“ im Westfälischen Kunstverein

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Berliner Momente: Ein Bild aus Marius Enghs Arbeit „Lead, follow or get the hell out of the way“ (2008), zu sehen in Münster. ▪

Von Marion Gay ▪ MÜNSTER–Sind es Blumen oder Seesterne? Eine gemusterte Tapete, ein Vorhang, ein ganzer Raum? Was da über die Filmspulen knattert und in schlechter Bildqualität über die Leinwand flimmert, ist nicht wirklich erkennbar. Der 16mm-Schwarz-Weiß-Film der US-Künstlerin Jennifer Bornstein erinnert an die Anfänge der Filmtechnik und spielt in seiner konfusen Bildsprache mit der Wahrnehmung.

Unter dem Titel „You don’t love me anymore“ präsentiert der Westfälische Kunstverein Münster in der ehemaligen Mauritzschule neun internationale Künstler im Alter zwischen 25 und 40. Die Installationen, Videos, Fotografien, Skulpturen und Malereien beschäftigen sich mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit.

„Die Wirklichkeit ist nie das, was wir von ihr erwarten, sehen oder wissen“, erklärt Kuratorin Katja Schroe-der das Konzept der Ausstellung. Der Alltag ist geprägt von Missverständnissen, Fehlern, Kompromissen. Dennoch kann der Mensch mit seiner Sehnsucht nach Perfektion das Nicht-Passende kompensieren. Dieses Balancieren zwischen Scheitern und Meistern der Situation zeigt zum Beispiel das Video „Date with deceit“ („Die betrogene Romanze“, 2009) der US-Künstlerin Eileen Maxson. Der Film wirkt amateurhaft zusammengeschnitten und basiert auf Material, das die Künstlerin im Internet fand. Maxson inszeniert sich als emotional aufgewühlte Frau, die von deprimierenden Erfahrungen bei der Online-Partner-Suche erzählt. Der Text stammt aus einem wahrscheinlich authentischen Youtube-Beitrag. Sie hat sich bemüht, Outfit und Raumsituation originalgetreu wiederzugeben. Die Arbeit zeigt, wie leichtfertig intime Wirklichkeit in der digitalisierten Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preis gegeben wird.

Auch der Österreicher Oliver Laric verwertet Material aus dem Internet. In seiner Videoarbeit „Variations“ stellt er Szenen von Disneys „Dschungelbuch“ einer Kopie gegenüber, in der es Abweichungen vom Original gibt. In einer anderen Arbeit erklärt er Kopierschutzzeichen zum eigenständigen Bildinhalt und stellt die Frage, ob die Kopie womöglich längst das Original abgelöst hat.

Berührend naiv wirken die Arbeiten des aus dem Kosovo stammenden Künstlers Petrit Halilaj, der als Kind während des Jugoslawienkriegs nach Italien umsiedelte. Seine Serie „They are lucky to be Bourgeois Hens“ kreist um das Huhn als Symbol für die zurückgelassene Heimat. Filigrane Bleistiftzeichnungen in Holzkästen zeigen merkwürdige Hühner, ein großformatiges Papier trägt die Spuren von Hühnerkot.

Um verlorene Orte geht es auch in der Fotoserie „Lead, follow or get the hell out of the way“ (2008) des deutschen Künstlers Marius Engh. Er dokumentiert das verfallene Gelände auf dem Teufelsberg in Berlin, wo Albert Speer in den 30er Jahren ein monumentales Universitätsgebäude erbauen ließ. Die Architektur hielt den Bombardierungen stand, später wurden auf dem Berg Tonnen von Bauschutt des zerstörten Berlin abgelagert. Während des Kalten Krieges installierten die Amerikaner dort eine Abhörstation, heute gammelt die Ruine als Müllplatz und illegaler Abenteuerspielplatz vor sich hin.

Bis 22.5., do – so 13 – 19 Uhr, Tel. 0251/ 46157, www. westfaelischer -kunstverein.de

Quelle: wa.de

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