Ausstellung zu Wilhelm Wulff im Morgner-Haus Soest

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Melancholische Blicke: Wilhelm Wulffs Selbstporträt (1920), zu sehen in Soest. ▪

Von Bettina Boronowsky ▪ SOEST–Wilhelm Wulff (1891–1980) hat in viele Gesichter geblickt und etliche porträtiert. Er schuf expressionistische Gemälden und Zeichnungen, später vor allem Skulpturen von einfachen Bürgern und Bergleuten, Künstlerfreunden und Literaten, Intellektuellen und Industriemagnaten – bis zur Bronzebüste von Bundespräsident Heinrich Lübke. Diese Menschenbilder sicherten Wulff auch in schwierigen Zeiten sein Überleben als Künstler. Nach seinem Tode 1980 geriet er in Vergessenheit. Das Westfälische Museumsamt feiert Wulffs Wiederentdeckung mit einer Wanderausstellung, die ihre erste Station in Wulffs Heimatstadt hat, im Museum Wilhelm-Morgner-Haus in Soest.

Dass diese Schau möglich wurde, ist Wulffs Tochter Ulrike Probst zu verdanken. Sie überließ der Stadt Soest vor drei Jahren den künstlerischen Nachlass ihre Vaters, der in seinem Atelier fast vollständig erhalten war. „Die Kunstgeschichte ist über Wilhelm Wulff hinweggegangen“, stellte Kurator Klaus Kösters fest. Warum Wulff schon zu Lebzeiten weniger bekannt war als seine Soester Künstlerfreunde Wilhelm Morgner und Eberhard Viegener, mit denen er „über mehrere Ecken“ auch verwandt war, hat wohl mehrere Gründe. Sicher spielte es eine Rolle, dass er seinem ganzen Wesen nach deutlich zurückhaltender war als die gleichaltrigen Weggefährten. Zuletzt sei er ein stiller, scheuer gutmütiger Herr gewesen, beschreiben Zeitzeugen.

Wulff gehörte der „verschollenen Generation“ an wie viele Künstler mit ähnlicher Biografie, sagt Kösters. Ihre Tragik lag darin, dass sie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts noch zu jung waren, um als Avantgardisten Einfluss zu haben und überregionale Anerkennung zu finden. Während der NS-Zeit waren sie von der internationalen Entwicklung abgeschnitten, und nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihnen nicht, an das aktuelle Kunstleben anzuknüpfen.

Auch Wulffs Leben war von Brüchen bestimmt. Mit seinem avantgardistischen Frühwerk regte er Zeitgenossen und Weggefährten an, wie er seinerseits von ihnen inspiriert wurde. Die Ausstellung zeigt anschaulich, wie fortschrittlich junge Kunst damals in der westfälischen Provinz war. Andererseits war der Kreis der Kunstkenner nicht groß genug, um ihm als Bildhauer den Lebensunterhalt zu sichern. Wulff verlegte sich aufs Porträtieren und fand auch während der NS-Zeit immer potente Auftraggeber. Das macht eine Beurteilung seines Schaffens während dieser Zeit so schwierig. „Ich bin nach den Unterlagen und Gesprächen sicher, dass Wulff ein völlig unpolitischer Mensch war“, sagt Kösters. Er wollte nur für seine Kunst leben, war vielleicht sogar ein bisschen weltfremd.“

Kösters sagt dies trotz eines Denkmals für gefallene Hoesch-Arbeiter, das eindeutig der NS-Ideologie und ihrem Kunstideal gehorcht. Und auch im Blick auf die Bergarbeiter-Denkmäler, die Wulff nach dem Zweiten Weltkrieg schuf. Auch sie lassen oft genug den untergegangenen „Zeitgeist“ ahnen.

Dem Soester war es gelungen, auch nach 1945 weiter als Porträtkünstler für Industrielle und Politiker zu arbeiten und im Ruhrgebiet Aufträge für Denkmäler zu bekommen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen. Eine Ausstellungsbeteiligung 1971 in Münster war sein letzter öffentlicher Auftritt gewesen.

Der Titel des Ausstellungskatalogs zeigt ein Selbstporträt des Künstlers von 1920. Die dunkel aquarellierten Brillengläser lassen ihn traurig, fast ahnungsvoll in die Zukunft blicken. Müßig ist die Frage, was aus dem ambitionieren jungen Expressionisten geworden wäre, wenn es die Zeiten anders mit ihm gemeint hätte.

Wilhelm Wulff im Wilhelm-Morgner-Haus Soest.

Bis 26.5., di – sa 10 – 12 und 15 – 17, so 11.30 – 17 Uhr; Katalog 15 Euro, Tel. 02921 /

135 24, http://www.soest.de.

Weitere Stationen der Ausstellung:

Quelle: wa.de

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