Ausstellung „Unbekanntes Kasachstan“ in Bochum

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Ein Mischwesen aus Greif, Löwe und Bergziege: Holzskulptur aus dem kasachischen Berel (4. – 3. Jh. v. Chr.). ▪

BOCHUM–Prachtvoll sieht das Festgewand des sarkischen Fürsten aus. Aufgenähte Goldplättchen an seiner Lederjacke und seinen Stiefeln zeugen von Wohlstand und erinnern an einen Schuppenpanzer.

Von Judith Wedderwille

Sein Spitzhut mit den goldenen Pfeilen und den Steinbockdarstellungen ist fast so lang wie sein Schwert, das er am breiten Gürtel trägt. In einem Fürstengrab nahe dem heutigen Issyk, südöstliches Kasachstan, wurde der „Goldene Mann“ 1969/70 von Archäologen entdeckt. Das Grab ist auf das 4. bis 3. Jahrhundert vor Chr. datiert. Mit auf den Weg ins Jenseits wurden dem Mann 31 Gefäße, Silberlöffel, Perlen- und Goldschmuck gegeben. Sie sind Zeugnisse der Schmiedekunst der Kasachen. Dem einst nomadisch lebenden Volk widmet das Deutsche Bergbau-Museum Bochum die Sonderausstellung „Unbekanntes Kasachstan“. 1000 Fundstücke spiegeln die Geschichte des Landes von den ersten Pferdezüchtern der Bronzezeit über das Leben der frühen Bergleute bis zu den Kunst- und Kampffertigkeiten der Steppenvölker. Auch die Geschichte der Turkvölker und Mongolen im Mittelalter wird thematisiert.

Der erste Schritt der Zeitreise durch 6000 Jahre kasachische Geschichte führt den Besucher in eine Jurte, das traditionelle Rundwohnzelt der Nomaden. Lederne Reitersättel, Zaumzeug und Peitschen liegen auf einem Teppich. Sie deuten bereits auf die zentrale Bedeutung der Pferde für die Bewohner Kasachstans hin – das erst seit dem 16. Jahrhundert diesen Namen trägt. Pferde dienten dem Nomadenvolk nicht nur als Transporttiere, sondern auch als Fleisch-, Leder- und Werkstofflieferant. Aus Zehenknochen wurden beispielsweise Würfel mit unterschiedlichen Verzierungen oder Stempel mit Zickzackmustern gefertigt.

Steinschlägel und Hacken, die nur anhand von kleinen Kerben von beliebig ovalen oder flachen Steinen zu unterscheiden sind, zeugen von einem frühen Bergbau. Nicht sonderlich überraschend, bedenkt man, dass Kasachstan heute wie damals zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt zählt und Bodenschätze wie Erz, Zinn und Kupfer in Fülle besitzt. Und wo viele Rohstoffe vorhanden sind, da lassen auch der Bergbau und das Schmiedehandwerk nicht lange auf sich warten. Ein bis zwei Jahrhunderte eher als in Mitteleuropa (etwa 2200 v. Chr.) beginnt daher in Kasachstan die Bronzezeit. Gerade bei den Schmuckstücken aus dieser Zeit fällt der immer feiner werdende Umgang mit dem Werkstoff Bronze auf. So auch bei dem leicht gewölbten Bronzearmreif, der in Palacy gefunden wurde. Er besteht aus einem dünnen Blechstreifen, an dessen Enden ein Draht spiralförmig zu einem Hütchen zusammenläuft.

Filigraner werden die Schmiedearbeiten in der Eisenzeit, gut zu sehen an einem Räucherständer aus Almaty (5.–3. Jahrhundert v. Chr.): Auf der oberen runden Tellerplatte befinden sich fünfzehn Tierfiguren mit Hörnern, die am äußeren gebogenen Tellerrand in einem Kreis stehen. In ihrer Mitte galoppiert ein Reiter, Pfeil und Bogen sind zum Schuss gezückt. Auch wenn die rinderähnlichen Tiere nicht gut zu erkennen sind, der Reiter und sein Pferd sind es dafür um so besser: Konzentriert blickt der Reiter drein, seine Arme sind exakt auf einer Höhe und an seinem linken Bein befindet sich ein Köcher. Auch das Zaumzeug und der Sattel sind gut zu erkennen, obwohl die Figur nur so groß ist wie ein halbes Streichholz. Ebenfalls kunstvoll gearbeitet ist eine Holzskulptur (4.–3. Jahrhundert. v. Chr.), die als Grabbeigabe in Berel gefunden wurde: Sie stellt ein Mischwesen aus Greif, Löwe und Bergziege dar. Der Kopf des Greifen ist mit Hörnern versehen, die aus Leder hergestellt wurden. Doch nicht nicht nur in der Herstellung von Schmuck und Skulpturen waren die Kasachen geschickt, auch in der Waffenherstellung. Einen Eindruck, wie gefährlich die Herrscher der Steppe in der Eisenzeit waren, bekommt der Besucher beim Betrachten der 96 eng zulaufenden Pfeilspitzen und der gusseisernen Dolche der Skythen – Reiternomadenvölker, die ab dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres besiedelten.

Aufgelockert wird die Ausstellung durch Videoinstallationen, riesige Fotoleinwände mit Steppenlandschaften und Beispielen aus der Experimentalarchäologie, wie ein nachgebauter Streitwagen aus Holz und Leder oder einer Grabkammer, in die eingebrochen wurde.

Unbekanntes Kasachstan – Archäologie im Herzen Asiens im Deutschen Bergbau-Museum Bochum, bis 30.6., di – fr 8.30 – 16.45, sa, so 10 – 16.45 Uhr.

Tel. 0234/ 58 77 146, www. unbekanntes-kasachstan.de, Katalog, 2 Bde., 49 Euro

Quelle: wa.de

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