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„Susanna. Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo“: Genaue Blicke auf ein Motiv in Köln

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Von: Ralf Stiftel

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Gemälde Hendrik Goltzius: Susanna und die Alten, 1607
Die Alten bedrängen Susanna im Gemälde von Hendrik Goltzius von 1607. Der Auftraggeber ließ sich rechts porträtieren, ein gelehrtes Maskenspiel, zu sehen in der Kölner Ausstellung. © Béatrice Hatala/Musée de la Chatreuse, Douai

Köln – Diese Geschichte hat alles für ein Drama. Zwei Amtsträger, Richter, begehren eine junge Frau. Sie beobachten sie beim Bad, wollen sie zum Beischlaf überreden. Als sie sich wehrt und um Hilfe ruft, reagieren die Bedränger mit einer falschen Anschuldigung: Sie hätten die Frau beim Ehebruch mit einem jungen Mann überrascht. Nur ein scharfsinniger Ermittler, der durch getrennte Verhöre die Lügner entlarvt, verhindert, dass Susanna gesteinigt wird. Kein Wunder, dass seit Jahrhunderten Künstler diese aus der Bibel bekannte, aber ältere Geschichte zum Stoff von Gemälden machen.

Ein Wunder ist es hingegen, dass das Motiv noch nicht in einer großen Ausstellung behandelt wurde. Am Wallraf-Richartz-Museum in Köln bieten die Kuratoren Roland Krischel und Anja K. Sevcik mit „Susanna. Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo“ eine Übersicht, die große Reize mit tiefen Einsichten verbindet. Spektakuläre Exponate sind zu sehen, Werke von Rembrandt, van Dyck, Guido Reni, der Lotharkristall aus karolingischer Zeit und sogar Papyrusfragmente mit der ältesten erhaltenen Schriftfassung der Susanna-Geschichte (um 200 n. Chr.). Ein Werk von Tintoretto aus Privatbesitz ist erstmals ausgestellt, eine Darstellung des Motivs im Cinemascope-Format (um 1546/47).

An den rund 90 Varianten untersuchen die Kuratoren, wie „Susanna und die Alten“ umgedeutet und variiert wurde. Die MeToo-Bewegung kam als neueste Aktualisierung hinzu. Ein Cover-Bild der Zeitschrift New Yorker von 2018 zeigt eine Frau, die neue Susanna auf dem Besetzungssofa eines mit Oscars ausgezeichneten Produzenten, im Visier eines filmenden Mobiltelefons, während im Hintergrund ein Mann das große Fenster verdunkelt. Ein eigener Raum ist dem Film „Psycho“ gewidmet, in dem Regisseur Alfred Hitchcock eine Fülle von Susanna-Anspielungen unterbrachte.

Aber auch die Altmeister stecken voller Überraschungen. Hendrick Goltzius stattet Susanna mit aller weiblicher Fleischlichkeit aus. Und doch ist sein Gemälde von 1607 auch eine fromme Allegorie. Die Bedrängte richtet ihren Blick zum Himmel wie eine Märtyrerin. So nah die Kerle ihr auch kommen, berühren können sie sie nicht. Susanna steht in dieser Spielart des Motivs für die christliche Kirche, die Alten für Judentum und Islam, was an Hut und Turban zu erkennen ist. So konnte die „Susanna“ fromme Militanz symbolisieren. Hier ist allerdings die Sache mit der Moral nicht zu ernst zu nehmen. Der rechte Alte ist ein Porträt des Auftraggebers Jan Govertsz. van der Aar. Das Gemälde spielt ironisch auf mehreren Sinnebenen. Kurze Begleittexte geben solche Hintergründe für jedes Werk. Nicht unbedingt aktuellste Museumsdidaktik, aber es funktioniert.

Die Susanna-Geschichte erweist sich als Medium für unterschiedlichste Zwecke und Botschaften. Darum folgt die Schau auch nicht der Chronologie, sondern inszeniert das Material nach Themen. Natürlich nahmen Maler das Thema als Vorwand, um die (männliche) Augenlust zu bedienen. Orazio Samacchini präsentiert in seinem Bild (1570/75) den nackten Frauenkörper in aller Sinnlichkeit, rückt die Alten an den Rand, dass sie kaum auffallen. Jan Massys lässt seine Susanna (1556) zwar die Alten abweisen. Aber die Figuren an einem Brunnen stecken voller sexueller Anspielungen, so ragt eine große Flamme phallisch aus dem Schoß einer Zeus-Figur und verbildlicht die brennende Begierde. Hans Makart stellt um 1870 die Bedrängte als schlafende Nymphe dar, die Alten als nackte Satyrn. Das dramatische Geschehen wird zum frivolen Bildungsbürger-Pin-Up.

Man kann die Geschichte aber auch aus der Perspektive des Opfers betrachten. Der berühmteste Fall dafür ist die italienische Barockmalerin Artemisia Gentileschi, die Opfer einer Vergewaltigung wurde. Acht Fassungen des Motivs sind von ihr überliefert, zwei hängen in Köln. Das Bild von 1622 fokussiert sich ganz auf die Frau, die versucht, ihre Blöße zu bedecken. Ihre Not wird deutlich im schmerzerfüllten Blick. In dem Bild von 1649 wendet sie sich ab, hebt den Arm zu einer Abwehrgeste. Indirekt ist auch die früheste Susanna Artemisias präsent, die sie als 17-Jährige 1610 malte. Die US-Künstlerin Kathleen Gilje, ausgebildete Restauratorin, schuf die exakte Kopie „Susana and the Elders. Restored“ (1998). Allerdings versah sie das Bild mit einer dramatischen Untermalung, in der ein Alter ihr ins Haar greift, sie empört schreit und ein Messer schwingt. Diese Malschicht macht eine Röntgenaufnahme sichtbar, wie sie bei der Untersuchung von Gemälden eingesetzt werden. So entsteht die Fiktion, Artemisia habe ihr Werk abgemildert, und nun werde die wahre Version enthüllt.

Die Kuratoren lassen das Publikum immer wieder an ihrem „Close Reading“, an ihrem Blick auf Details teilhaben. Da entdeckt man, dass Susanna bei Sebastiano Ricci (1713) eben nicht das hilflose Opfer ist, sondern den Alten den Stinkefinger zeigt. Dass viele Barockmaler sich an der Laokoon-Gruppe orientierten: Die Arme der Alten schlingen sich um Susanna wie die Schlangen in der antiken Skulpturengruppe, bei Francesco Trevisani presst sich die Hand eines Alten wie ein zubeißender Schlangenkopf ins Fleisch der Frau. Oft gaben Künstler den Alten jüdische Züge, schon Jakob Jordaens in seiner auch frauenfeindlichen Darstellung mit Susanna als Trampel und den Alten als zahnlosen Lustzwergen (1653). Aber selbst ein Expressionist wie Hans Meid macht in seiner Radierung (1912) aus den Alten einen Afrikaner und einen Juden.

Und natürlich handelt die Geschichte auch vom Beobachten, vom An- oder Wegschauen. Nicht nur die Alten schauen die Badende an, auch die Betrachter des Bildes. Francesco Hayez hat in seinem Gemälde (1850) die Alten ganz in den Hintergrund gerückt. Susanna sitzt mit dem Rücken zum Betrachter, wendet sich um und schaut ihn direkt an. Erwischt!

Bis 26.2.2023, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19,

www.wallraf.museum

Katalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 29,95 Euro

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