Ausstellung „12 Rooms“ im Museum Folkwang

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Das hält er richtig lange aus: Die Arbeit „In Just A Blink Of An Eye“ von Xu Zhen in der Ausstellung „12 Rooms“. ▪

ESSEN ▪ Wie ist das möglich? Der Mann in Jeans und Windjacke berührt nur mit den Füßen den Boden. Sein Körper biegt sich in die Horizontale zurück, als stürze er gerade oder führe einen gewagten Hip-Hop-Sprung aus. Aber der Körper steht still, wie eine Skulptur. Doch dies ist ein Mensch. Er atmet. Die Augen öffnen und schließen sich. Dicht am Darsteller fühlen wir mit ihm, Minuten dehnen sich. Die Schwerkraft scheint außer Kraft gesetzt. Von Ralf Stiftel

Der Mann ist ein Kunstwerk, zumindest so lange, wie ihn Besucher im Essener Museum Folkwang betrachten. Dort kann man das Werk „In Just A Blink Of An Eye“ (In nur einem Augenblick, 2005) des chinesischen Künstlers Xu Zhen betrachten in der Ausstellung „12 Rooms“. Mit der Schau beginnt das Museum eine Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale, und sie passt perfekt in das Konzept des Intendanten Heiner Goebbels, Kunst zu zeigen, die Genregrenzen überschreitet. Die zwölf Arbeiten in den titelgebenden zwölf Räumen sind „Live Art“, machen sozusagen aus Menschen Skulpturen.

In Xu Zhens Arbeit ist der Effekt am offensichtlichsten. Dabei wurde sie erstmals in China mit Wanderarbeitern realisiert und sollte den Blick auf diese Randgruppe der boomenden Gesellschaft lenken. In Essen sieht man sie anders an, abstrakter, als artistischen Moment.

Die Kuratoren Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist haben das Format für das Manchester International Festival entwickelt. Inspiriert hat sie ein Satz von Ionesco, dessen Stück „Die kahle Sängerin“ wurde täglich in Paris gespielt. Er sagte, das sei wie aus Marmor gemeißelt. Flüchtige Aktionskunst soll Präsenz bekommen. In Essen geschieht das, leider nur ein paar Tage lang, mit Werken prominenter Künstler, darunter der Brite Damien Hirst, die Serbin Marina Abramovic und mehrere documenta-Teilnehmer. Die Ausstellungshalle im Museum Folkwang wurde mit grauen Kuben zugestellt. Der Besucher muss bei den meisten Arbeiten eine Tür öffnen, um in den intimen, neutralen Raum zu gelangen. An manchen Tageszeiten ist man vielleicht mit dem Werk allein. Es kommt zu irritierenden Begegnungen, die sich sehr unterscheiden von einem üblichen Museumsbesuch. Gezeigt werden wirkliche Werke, nicht die Künstler führen Aktionen aus, sondern Darsteller setzen präzise Partituren um. Man kommt ihnen näher als bei Bühnenaufführungen, fühlt sich mal unbehaglich, dann wieder wie ein Gast.

Bei Damien Hirsts Werk „Hans, Georg / Esther, Anna / Marian, Julian“ (1992) sitzt unter einem Quadrat aus farbigen Punkten ein Zwillingspaar auf Stühlen. Esther und Anna tragen die gleichen Kleider, sind gleich frisiert, lesen beide in Rainald Goetz‘ „Festung“. Die rechte (Anna?) liest aber ein wenig schneller. Freundlich beantworten sie Fragen, ehe sie wieder das Buch aufschlagen.

Tino Sehgal, zur Zeit auch mit einer Arbeit auf der documenta 13 zu sehen, bringt „Ann Lee“ (2011) ins Leben, eine bekannte Mangafigur, die schon andere Künstler für ihre Arbeit benutzten. Bei Sehgal tritt den Besuchern ein junges Mädchen gegenüber und stellt sich als Ann Lee vor: „I‘m a manga character“. Sie bewegt sich ruckartig, mechanisch, spricht auch Besucher an, reagiert aber nicht wirklich auf Antworten, sondern wechselt mit Floskeln wie „Fine“ und „Thank you“ wieder in ihren Text.

Bei anderen Arbeiten fühlt man sich eher als Eindringling. In Joan Jonas‘ „Mirror Check“ (1970) steht an der Wand eine nackte Frau und betrachtet mit Hilfe eines Handspiegels Körperbereiche, die man normalerweise nicht sieht. Die Besucher scheint sie nicht wahrzunehmen. Santiago Serra zeigt einen Soldaten in Uniform, der in der Ecke steht wie ein bestraftes Schulkind im letzten Jahrhundert. „Veteranen aus Kriegen in Jugoslawien, Bosnien, Kosowo, Serbien und Somalia mit Blick zur Wand“ ist eine schmerzhafte Lektion über Erniedrigung.

Simon Fujiwara konfontriert uns mit „jungen, athletisch gebauten Männern unter 30 aus der Region“ in „Future / Perfect“. Ein Mann liegt auf einer Sonnenbank und hört über Kopfhörer ein Sprachlernprogramm. Ab und zu spricht er Vokabeln nach.

Bei Xavier Le Roys „Untitled“ gerät man in einen dunklen Raum. Langsam gewöhnt sich das Auge ans Dämmerlicht, man erkennt zwei Gestalten, die an einer Wand lehnen, eine aufrecht, die andere schmiegt sich an, wühlt sich an den Bauch, unter die Arme, als ob sie Schutz suche. Bei beiden sind die Körper komplett bedeckt, die eine Figur könnte eine Puppe sein.

Die „Drehtür“ von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla spielt herrlich heiter mit alltäglichen Ängsten: Zehn Akteure bilden eine Linie in einem runden Raum, die Wand einer Drehtür. Sobald man den Raum betritt, ist man ihren Bewegungen ausgeliefert.

Bis 26.8., di – so, 10 – 18, fr bis 22 Uhr,

Tel. 0201 / 8845 444 und

0700 / 2002 3456 (14 ct./Min.)

http://www.ruhrtriennale.de

http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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