Ausstellung „Propaganda für die Wirklichkeit“

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Das Spiegelbild wird vom realen Objekt vervollständigt: Die Skulptur „Parallelwelt“ von Alicja Kwade.

LEVERKUSEN - Ein gewöhnlicher Sonnenaufgang. Oder Untergang. Die rotglühende Landschaft scheint normal vor uns zu liegen. Vögel flattern durchs Bild. Noch etwas bewegt sich: Die dunkle Linie, die den Horizont markiert. Paul Pfeiffer hat in seinem Video „Morning after the Deluge“ (2003) dafür gesorgt.

Von Ralf Stiftel

Der US-Künstler hat die Aufnahme eines Sonnenaufgangs und eines Sonnenuntergangs so ineinander montiert, dass der Himmelskörper immer in der Mitte der Leinwand steht. Je länger man die Szene betrachtet, desto irritierender wird sie.

Die Arbeit ist im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Es zeigt die Ausstellung mit dem paradoxen Titel „Propaganda für die Wirklichkeit“. Pfeiffers Video dreht Alltagswahrnehmung um: Für uns bewegt sich die Sonne über den Himmel. Aber in Wirklichkeit steht sie still, während sich die Erde um sie dreht. Kuratorin Stefanie Kreuzer hat rund 50 Arbeiten von 24 Künstlern ausgesucht, die das Verhältnis von Kunstwerk und Realität thematisieren. Was zeigt ein Kunstwerk, was ist ein Kunstwerk, wie nimmt der Betrachter es wahr?

Hiroshi Sugimoto übersetzt einen Film in ein Schwarz-Weiß-Foto. Während der Film lief, belichtete der japanische Fotograf das Bild. Am Ende sieht man in „Rialto, Pasadena“ (1993) die Bühne, Säulen und ein weißes Rechteck, die Leinwand, auf der sich anderthalb Stunden Projektion zu einem Fleck verdichtet haben. Der belgische Künstler David Claerbout wiederum arbeitet mit extremer Verlangsamung. Er filmt Singvögel im Winter an einem Fenster. Der Atem des Tiers wird als feiner Nebel sichtbar.

Immer unsicherer wird es durch die Fortschritte der digitalen Bildherstellung, zu sagen, ob das, was man sieht, auch mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Ausstellungstitel ist ein Zitat des österreichischen Romanciers Oswald Wiener: „kunst ist propaganda für die wirklichkeit und wird daher verboten.“ Die Ausstellung führt dieses provozierende Verbot ad absurdum. Die Künstler in der Schau lenken die Aufmerksamkeit auf die Brüche zwischen Abbildung und Realität. Das kann in einer ganz schlichten Skulptur aus Alltagsobjekten passieren. Alicja Kwade stellt zwei Kaiser-Idell-Lampen gegenüber, schiebt zwei Spiegel dazwischen. Die „Parallelwelt“ besteht darin, dass sich die rote in der grünen Büroleuchte so spiegelt, dass das überstehende Ende der einen die andere fortzusetzen scheint. Spiegelbild und reales Objekt verschmelzen zu einem Bild. Der US-Künstler Robert Gober wiederum baut einen weißen Kinderlaufstall – aber perspektivisch verzerrt. Aus der Entfernung wirkt das Möbel normal, aber sobald man direkt davor steht, wird die Verzerrung offensichtlich. Die Schau schärft den Blick für den Zweifel.

Das gilt auch für die hinreißende Videoarbeit „Talk Show“ (2009) des israelischen Künstlers Omer Fast. Auf drei nebeneinanderliegenden Leinwänden sieht man ein normales Talkshow-Szenario: Eine Moderatorin fragt ihre Gesprächspartnerin, wo sie „sie“ zum ersten Mal gesehen habe. Es folgt eine abenteuerliche Dreiecksgeschichte über die große Liebe zu einem Reporter, der in den Irak geht, dort eine Übersetzerin trifft, die ihm sehr hilft, dann in Lebensgefahr gerät und nur durch eine Scheinehe zu retten ist. Kaum zu glauben. Und als sie fertig erzählt hat, erhebt sie sich, eine andere Frau kommt, nimmt Platz und stellt die Eingangsfrage. Jetzt ist die Moderatorin auf einmal Gast und erzählt mit kleinen Variationen die Geschichte noch einmal. Ein Reigen, der die Erzählmuster des TV-Genres wunderbar freilegt – und zugleich den Betrachter vor die Frage stellt, was er eigentlich glauben will.

Die Glasvasen auf dem Foto „Group Show“ (2010) von Oliver Cieslik und Barbara Schenk wirken so hyperrealistisch, dass man glaubt, sie anfassen zu können. Aber es handelt sich um eine rein digitale Konstruktion, eine virtuelle Montage am Computer, der nichts in der Realität entspricht. Was propagiert so ein Nicht-Foto?

Andererseits lässt der belgische Künstler Francis Alys etwas Unsichtbares zum Objekt materialisieren. In seinem Video „Paradox of praxis“ (1997) schiebt er einen Eisblock durch das sommerliche Mexico City. Der Block schmilzt natürlich, ist irgendwann ein weißer Puck, den der Mann locker mit dem Fuß vor sich herkickt, ehe er sich ganz auflöst in einen dunklen Fleck. Und das verschwindende Eis zeigt dem Betrachter die verstreichende Zeit.

Natürlich schöpft diese Ausstellung ihr Thema nicht aus. Man könnte gewiss noch viel mehr Arbeiten heranziehen. Aber gerade in der relativen Konzentration liegt eine Stärke. Dem Betrachter werden einige Gaukeltricks der Kunst vorgeführt – und er kann sich mit Misstrauen gegenüber den Bildern wappnen. Oder sich verzaubern lassen.

Propaganda für die Wirklichkeit im Museum Morsbroich in Leverkusen

Bis 4.5., di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr, Tel. 0214/ 855 560,

www.museum-morsbroich.de, Katalog, Verlag Kettler, Bönen, 25 Euro

Quelle: wa.de

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