Die Ausstellung „Nimm das Adolf!“ über Comics im Zweiten Weltkrieg

Captain America schlägt selbst zu auf dem Comic-Cover von 1942. Foto: Katalog

Dortmund – Hitler, Goebbels, Himmler und Göring heben den rechten Arm und salutieren: „Heil, Superman!“ Was den Man of steel nicht sonderlich beeindruckt. In der aberwitzigen Comicerzählung, die Jerry Siegel und Joe Shuster im März 1945 für den Sunday Mirror schufen, versuchen die führenden Nazis, den Helden mit dem Argument zu gewinnen, dass sie schließlich auch Übermenschen seien und man so von Superman zu Superman zusammenhalten müsse. Als der Umworbene ablehnt, droht ihm Hitler in einem wunderbaren Denglisch: „Und don‘t think ve lack der means to destroy you, schweinhund!!“

Zu sehen sind die Seiten im Comic-Schauraum in Dortmund. Der Kunsthistoriker Alexander Braun hat für die Ausstellung „Nimm das, Adolf“ rund 100 Originalzeichnungen, Erstdrucke und andere Objekte zusammengestellt, um zu dokumentieren, wie sich der Zweite Weltkrieg in dem Medium niederschlug. Das Ergebnis ist eine überraschende und erhellende Ausstellung, deren thematische Spannweite verblüfft. Viel Material wird erstmals ausgestellt. Dabei hat sich Braun, Experte und Sammler, der bereits mehrere große Comic-Ausstellungen kuratiert hat, auf einige enge Themenfelder konzentriert.

Das gewichtigste Kapitel der Schau ist den US-Comics der 1930er und 1940er Jahre gewidmet. Damals erlebten die Bilderzählungen ihre Goldene Zeit, waren massenwirksam, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Geradezu ikonisch war dabei die Szene, in der sich US-Zeichner wieder und wieder vorstellten, wie ein Superheld Hitler den KO-Schlag versetzt. 1941 lassen Jack Kirby und Joe Simon Captain America den Führer umhauen. 1944 trifft Blue Beetle bei einem Spionageeinsatz den Obernazi. Und Superman hält 1942 auf einem Titelbild Hitler und den japanischen Premierminister Tojo Hideki wie widerspenstige Kinder. Die Superhelden waren Rollenmodelle und Mutmacher. The Angel, die menschliche Fackel, der Sub-Mariner und viele andere holten feindliche Kampfflieger vom Himmel und zerlegten U-Boote. Batman und Robin reichen einem unrasierten GI an der Front ein neues Gewehr, Ersatz für seine verschlissene Waffe, und zugleich der Appell an die Leser, sich an der siebten Kriegsanleihe zu beteiligen.

Welche Wirkung die Comics entfalteten, zeigt gerade das Beispiel „Superman“. 1940 hatte das Look-Magazin, neben Life die größte Zeitschrift der USA, die Frage des Kriegseintritts diskutiert. Ein Beitrag stammte von Jerry Siegel, eine zweiseitige Comic-Story, in der Superman die Bunker des Westwalls aufreißt, ein Kanonenrohr verknotet und Hitler (mit Stalin) vors Tribunal des Völkerbunds bringt. Das wurde sogar im Reich gelesen: Das „Schwarze Korps“, die Mitgliederzeitschrift der SS, brachte kurz darauf eine Erwiderung, eine antisemitisch unterfütterte Wuttirade. Das kann die Ausstellung leider nicht im Detail dokumentieren, man liest es aber im profunden Katalog.

Es gab eine Front der populären Figuren. Donald Duck warb ebenso für Kriegsanleihen wie die Superhelden. Alex Raymonds Held Flash Gordon kehrte vom Planeten Mungo zurück, um den USA mit Weltraumwaffen im Kampf gegen die Flotte eines Diktators beizustehen. So förderten die Helden den Kampfgeist, geistige Mobilmachung.

Auch Frank King, Schöpfer der Serie „Gasoline Alley“, reagierte auf den Krieg. Seine kurzen Episoden sind allerdings weniger propagandistisch gehalten. Sein junger Protagonist Skeezix wird sogar in einem Tagesstreifen von 1943 verwundet, ein Motiv, das bei den US-Militärs nicht so geschätzt wurde.

In Deutschland gab es praktisch nichts Vergleichbares. Die Nazis, die beim Radio das propagandistische Potential durchaus erkannten, schätzten Comics nicht. Es gab grafisch unbeholfene „Bilderbögen“, die zum Beispiel den U-Boot-Kapitän Prien mit plumpen Reimen feiern: „Die Briten fasst ein Heidenschreck, ,Repulse‘ versenkt, ,Royal Oak‘ sackt weg, indem sie suchen in den Lüften, geht Prien mit seinem U-Boot stiften.“ Tragisch der Fall von Erich Ohser. Vor 1933 hatte Ohser antifaschistische Karikaturen gezeichnet. Unter der NS-Herrschaft erfand er unter dem Pseudonym e.o.plauen die humoristische Serie „Vater und Sohn“. Weil die erfolgreich war, wurden die Nazis auf ihn aufmerksam. Er arrangierte sich, zeichnete sogar Folgen, die für die Partei und das Winterhilfswerk warben. Es nützte nichts: Ein Nachbar hörte, wie er zu Hause gegen Hitler lästerte, denunzierte ihn. Dem Todesurteil durch den Volksgerichtshof kam er durch Selbstmord zuvor.

Die Ausstellung geht auch noch auf die frankobelgischen Comics ein, zum Beispiel auf die fragwürdige Rolle von Georges Remi, unter dem Kürzel Hergé weltberühmter Erfinder von Tim und Struppi. Als die Deutschen Belgien überfielen, schlüpfte er mit der Serie bei der Brüsseler Zeitung „Le Soir“ unter, dem Blatt, das am engsten mit den Besatzern kollaborierte und das gut bezahlte. Das Journal de Spirou verweigerte hingegen die Zusammenarbeit und wurde schließlich verboten. Interessant auch die Ausblicke in die Gegenwart, wo gleich mehrere Spirou-Erzählungen in der NS-Zeit spielen.

Das Nachleben des Nationalsozialismus wird in Einzelaspekten beleuchtet. In den 1950er Jahren gab es noch zahlreiche Comics, die im Krieg spielten. Besonders bemerkenswert ist dabei die Arbeit von Harvey Kurtzman, der in Strips wie „Weak Link“ (1951) die Brutalität des Krieges schonungslos abbildet. Dieser Pazifist kannte nicht mehr den gerechten Krieg.

Und die Schau richtet den Blick auf ein Phänomen, das Naziploitation genannt wird: Die Gewalt, die Ästhetik, die Erotik des Faschismus werden zum provokanten Stilmittel. Da greifen dann Nazi-Zombies an, und besonders italienische Zeichner ergötzen sich an nackten Blondinen mit Hakenkreuz-Armbinden. Aber es gibt auch andere Konzepte: Der französische Zeichner Fabrice Le Hénanff schuf vor einem Jahr „Wannsee“, eine düstere Chronik jener geheimen Konferenz, in der die Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen, in einem dichten, geradezu fotorealistischen Stil.

Bis 15.3.2020, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

www.comic.dortmund.de, Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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