Ausstellung „Newtopia“ zeigt Kunst zu Menschenrechten

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Ohne Protestierer tanzen sie: Filmstill aus „Pegasus Dance“ von Fernando Sánchez Castillo ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MECHELEN–Neckisch wedeln die beiden Wasserwerfer mit den satten Strahlen auf und ab im Takt der Musik von Johann Strauss. Die wuchtig gepanzerten Fahrzeuge, sonst im Einsatz gegen Demonstranten, zeigen sich auf der Filmleinwand graziös und kokett als Tänzer. Sie drehen als Paar eine Runde, sie fahren Schleifen, nähern sich, entfernen sich und schicken sich auch einen neckischen Spritzer zu. Im Video „Pegasus Dance“ entwaffnet der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo Instrumente der Staatsmacht. Der Besucher im Lamot Congress Centre im belgischen Mechelen freut sich an den Darstellern einer vollendet auf klassische Musik abgestimmten Choreografie.

Das Werk gehört zur Ausstellung „Newtopia – The State of Human Rights“. Die Stadt zwischen Brüssel und Antwerpen will sich als Standort zeitgenössischer Kunst profilieren, unterstreicht Bürgermeister Bart Somers im Katalog. Die Menschenrechte als Leitthema bieten sich an, weil Mechelen während der Besetzung durch die Nazis als Verkehrsknotenpunkt diente für die Deportation von Juden, Sinti und Roma. Die Kazerne Dossin, heute eine Gedenkstätte, wurde von der SS als Sammellager genutzt. Kuratorin Katerina Gregos entwickelte nun eine Schau mit Werken von rund 70 Künstlern an vier Stationen sowie einigen Außenprojekten. In vier Kapiteln widmet sich die Schau verschiedenen Aspekten des Themas, von den frühen Ansätzen, die Agitprop und politische Plakate einschließen, bis zu ganz aktuellen Auseinandersetzungen zum Beispiel mit der Situation in den arabischen Ländern und im krisengeschüttelten Griechenland. Die Hälfte der Künstler stammt aus nicht-westlichen Ländern. Und schon das Video von Sánchez Castillo zeigt, dass der ernste Hintergrund nicht spröde und didaktisch sein muss.

Pablo Picassos Monumentalgemälde „Guernica“ ist einer der Meilensteine künstlerischer Auseinandersetzung mit den Menschenrechten. Sein Bild klagte die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch deutsche und italienische Flieger 1937 an. In Mechelen ist die Radierung einer weinenden Frau aus dem Motivkreis zu sehen. Und auch der Pop-Künstler Andy Warhol bietet mit seiner Bildserie der „Electric Chairs“ (1971) einen Kommentar zur Todesstrafe.

Ein makabres Altarstück schuf der deutsche Künstler Hans Haacke mit „We believe in the Power of the Creative Imagination“ (1980), in dem er einen Werbeslogan der Waffenschmiede FN Herstal aufgreift, die sich ihrer Kunstförderung rühmte, gleichzeitig aber das Apartheidregime in Südafrika belieferte. Vom tschechischen Künstler Jan Svankmajer ist der Film „The Flat“ (1968) zu sehen über einen Mann, der sich in einer leeren Wohnung wiederfindet. Er versucht zu entkommen, doch die Dinge, die Möbel, die Wände wenden sich gegen ihn. Der Spuk ist als surreales Märchen inszeniert. Ein subtiler Protest gegen die einengenden Zustände im Sozialismus.

Einige der in Mechelen ausgestellten Künstler arbeiten unter großen persönlichen Risiken, wie der syrische Karikaturist Ali Ferzat, der immer wieder böse Blätter über die arabischen Diktatoren zeichnete. Im letzten Jahr überfielen Schläger des Assad-Regimes den Künstler, misshandelten ihn und brachen ihm die Hände. Inzwischen lebt er im Exil. In einer Ausstellung in der Ausstellung lud Kendell Geers Gastkünstler ein, darunter den Chinesen Ai Weiwei. Er schickte ein Selbstporträt mit der Narbe der Schädeloperation, die nach Misshandlungen durch staatliche Schläger nötig wurde. Der chinesische Maler Zhou Zixi zeigt Bilder trauernder Menschen, die deutlich auf die blutig niedergeschlagene Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking anspielen.

So führt die Ausstellung den Besucher an verschiedene Schauplätze, mit verschiedenen Stimmungen. Taryn Simon fotografiert „Unschuldige“, Menschen, die in den USA unschuldig wegen Gewaltverbrechen verurteilt wurden. Man sieht bullige Afro-Amerikaner – und ahnt eine von Vorurteilen belastete Justiz am Werk. Der bosnische Fotograf Ziyah Gafic ist mit mehreren Serien vertreten, eine bietet Uhren, Brillen, Ausweise aus Taschen von Massengräbern in Bosnien, von Opfern der serbischen Truppen. Eine andere Serie zeigt die „Kinder des Hasses“, gezeugt bei systematischen Vergewaltigungen im Bürgerkrieg in Ruanda.

Der palästinensische Künstler Taysir Batniji gestaltet Immobilienanzeigen zu Häusern aus dem Gaza-Streifen, die durch israelischen Beschuss zerstört wurden. Tom Molloy montiert Ausschnitte aus Fotos von Demonstrationen zu einem globalen Total-„Protest“. In der Arbeit „Shake“ reiht er Fotos von Staatsmännern zu einem Fries nach dem Reigenprinzip, bei dem Obama, Merkel, Putin, Assad, Gaddafi sich die Hände schütteln: Leere Gesten oder verlogene?

Hinreißend ist auch das Musikvideo von Wooloo aus Dänemark. Nach dem Allstar-Muster und den Harmonien von „We Are The World“ singen Künstler wie Carsten Höller und Wim Delvoye „We need you now“ und fordern, dass die katholische Kirche das notleidende Europa aus der Pleite kaufen soll.

Newtopia in Mechelen. Bis 10.12., täglich außer mi 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/ 15/ 29 80 16; http://www.newtopia.be

Katalog (nl./engl.) 27,90 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln,

Tel. 0221 / 270 97 70

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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