Ausstellung „Marc Chagall und die Bibel“ in Münster

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Klar komponiert und detailreich: Marc Chagalls „König David“ (1951) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Schwerelos erscheint die Harfe unter den Händen des Königs David, und unter seiner Musik scheint eine Welt auf. Jedenfall lässt Marc Chagall es in seinem Gemälde von 1951 so erscheinen. Er zeigt in kleinen Feldern eine Fülle von Szenen, mal ein russisches Dorf mit einem Fiedler, eine Mutter mit Kind, den kauernden Propheten Jesaja, ein schwebendes Liebespaar, einen Hahn und ein Kind mit Blumen. Der Betrachter kann es auf einen Blick erfassen, den Farbdreiklang aus Rot, Gelb und Schwarz. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt er die erzählerische Fülle, die in ihrer Missachtung des Realismus an Ikonen erinnert und an El Greco.

Das Bild ist im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen, in der Ausstellung „Marc Chagall und die Bibel“. Das Haus nimmt den 125. Geburtstag des Künstlers zum Anlass dieser thematischen Präsentation, der bislang umfassendsten mit rund 160 Exponaten. Schon jetzt scheint der Erfolg programmiert: 1200 Führungen sind bereits gebucht. Der Künstler wird besonders geschätzt wegen seines gefälligen Spätwerks, das stets erkennbar mit Blumen, Liebespaare, Zirkusszenen die angenehmeren Seiten des Lebens thematisiert und mit seiner stimmigen Farbigkeit dem Auge schmeichelt. Das, in Kombination mit den religiösen Motiven, wird unfehlbar Publikum nach Münster locken.

Die Erwartungen werden aber auch erfüllt. Chagall kam über einen profanen Auftrag zum Thema. 1930 bestellte der Galerist Ambroise Vollard beim Künstler Illustrationen zur Bibel. Damit begann die langwährende Auseinandersetzung Chagalls speziell mit dem Alten Testament. Ein bisschen Märchen schwingt immer mit, wenn der Künstler den Tanz ums goldene Kalb zeigt, Samson die Tempelsäulen zerbrechen, Salomon im Traum ein Engel zufliegen lässt. Und wie er ab 1960 das Hohelied bebildert, in süßem Rot, mit Vögeln, Ziegen, Bäumen und sich aneinander schmiegenden Paaren, das trifft, was sich Fans vorstellen.

Museumsdirektor Markus Müller betont, dass Chagall nie zum Christentum konvertierte, auch wenn er später Aufträge für Glasmalereien in Kirchen annahm. Wie er die biblischen Szenen zeigte, das erschien konservativen Christen anfangs als viel zu frei. So schwebt in der „Auferstehung am Flussufer“ (1947) Christus noch am Kreuz über den Himmel, ganz anders als in konventionellen Darstellungen des Motivs. Chagall projizierte das eigene Leben und sein Judentum in viele Bilder, sagt Müller. Sein Bild „Exodus“ (1948) kann man eben auch als Kommentar zur Situation der Juden lesen. Man sieht den Zug der Massen, eine Vertreibung, vielleicht noch ein visuelles Echo des Holocaust, man sollte sicher auch denken an den Aufbruch nach Palästina, wo die Juden gerade ihren eigenen Staat gründeten. Der gekreuzigte Christus steht hier in einer düsteren Szenerie, aber nicht auf dem Berg, den frühere Künstler malten.

Chagall verstand sich als Brückenbauer zwischen Religionen und Konfessionen, unterstreicht Müller. Seine Bilder lassen sich nicht vereinnahmen. Chagalls Enkelin, Meret Meyer, die den Nachlass verwaltet, meint gar, man könne sich auch ohne Bibelkenntnis einfach an den Bildern freuen.

Die Schau demonstriert, dass Chagall sich nicht spontan Gefühlen hingab, sondern seine Bilder präzise plante und entwickelte. Viele Motive sind in mehrerern Varianten vorhanden. 1931 bereiste er Palästina, um den Schauplatz kennen zu lernen, und er brachte Landschaftsbilder mit. Von Rembrandt, der viele Bibelszenen schuf, ließ Chagall sich anregen. Man sieht das Bild eines gehäuteten Ochsen (1925), mit dem Chagall sich auf ein Werk des niederländischen Meisters bezieht – und beide zeigen im ausgeweideten Tier auch den Gekreuzigten. Ein Coup ist auch, dass das Museum ein Glasbild, Entwurf für die Kathedrale von Metz (1958), zeigen kann. Glasfenster bereitete Chagall, auch das ist zu sehen, mit abstrakten Collagen vor, an denen er vor allem die Verteilung der Farben erprobte.

Marc Chagall und die Bibel im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Bis 13.1.2013. Tägl. 10 – 18, fr bis 20 Uhr, Tel. 0251/ 41 44 710,

http://www.picassomuseum.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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