Ausstellung „Lucian Freud und das Tier“ in Siegen

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Rechts ist es nicht fertig gemalt: Lucian Freuds letztes Gemälde „Portrait of the Hound“ aus dem Jahr 2011.

SIEGEN - Der Blick der Frau geht am Betrachter vorbei. Sie sitzt auf dem Sofa im Bademantel, ihre rechte Brust ist entblößt, und ein Hund schmiegt sich an ihr hochgezogenes Bein. Lucian Freud malte 1950/51 seine schwangere Frau Kitty mit einem Bullterrier, den das Paar zur Hochzeit bekommen hatte. Die auffällige Pose, bei der man an eine kunsthistorische Anspielung denkt, an eine Madonna vielleicht, entstand tatsächlich aus der Situation.

Von Ralf Stiftel

Eine eigenartige Melancholie durchzieht das Werk. Kurze Zeit später trennte sich das Paar. Vielleicht hat der Künstler die aufkommende Entfremdung schon in dem Bild eingefangen. Es empfängt den Besucher der Ausstellung „Lucian Freud und das Tier“ im Museum für Gegenwartskunst in Siegen.

Lucian Freud (1922-2011) hatte 1997 den Rubens-Preis der Stadt Siegen bekommen. Eine Werkgruppe mit Gemälden und Grafik ist dauerhaft im Museum ausgestellt. Erstmals ist jetzt eine Schau dem Motiv des Tiers im Werk des englischen Malers gewidmet. Dabei hat der Enkel des Erfinders der Psychoanalyse, Sigmund Freud, schon als Jugendlicher Tiere gemalt. Und sie spielen durchgängig in seinem Werk eine wichtige Rolle. Der Künstler selbst sprach von Portraits, und wenn man das Bild „Girl With a White Dog“ betrachtet, sieht man, dass er auf den Hund ebenso viel Sorgfalt verwandte wie auf die Frau. Man sehe nur die hauchfein ausgeführten Schnurrbarthaare, die aufmerksam gehobenen Ohren, den fokussierten Blick. Zur Traurigkeit in dem Gemälde trägt bei, dass beide Geschöpfe darin für sich bleiben. Die Frau hat keinen Kontakt mit dem Hund; dass sein Kopf auf ihrem Bein ruht, erscheint als Zufall.

Die Ausstellung umfasst rund 30 Werke, ist also eher kompakt. Aber neben Leihgaben zum Beispiel aus der Londoner Tate Gallery stammen viele Werke aus Privatsammlungen und waren noch nicht ausgestellt. Schon 1939 entstand die älteste ausgestellte Arbeit, das Gemälde „Portrait with Horses“. Der 17-jährige, in Berlin geborene Freud reflektiert in dem düsteren Bild die Situation des Exils. Er fühlte sich fremd in England. Und so verbirgt eine Maske das Gesicht, hinter der menschlichen Figur sind panisch umherrennende Pferde zu sehen, eine Kindheitserinnerung: Im Stall seines Großvaters mütterlicherseits gab es ein Feuer. Zugleich reagierte Freud auf Picassos Gemälde „Guernica“, das er in London gesehen hatte.

Man durchstreift in dieser schönen Präsentation das gesamte Schaffen des Künstlers. Frühe Zeichnungen wirken wie Karikaturen, zum Beispiel „Horse Smiling“ (1940). Surreal wirkt das Zebra im Wohnzimmer in „Quince on a Blue Table“ (1943-44), wo das Tier sozusagen in das Stillleben mit der Quitte eindringt. Doch bald schon prägt ein kühler Realismus Freuds Malerei wie im Stillleben mit Seeigel und Kalmar (1949). Oft malt Freud auch tote Tiere, und das auf eine Weise, dass sie den Betrachter nicht kalt lassen: Der Kopf des toten Hahns (1951) zeigt ebenso Schmerz wie Würde.

Die meisten Bilder zeigen Menschen und Haustiere beieinander. Das hat manchmal einen leisen Humor, zum Beispiel im großen Porträt „Bramham Children and Ducks“ (1995), in dem der Junge und das Mädchen ein wenig angespannt aussehen, während die weiße Ente auf seinem Schoß munter den Betrachter anzublicken scheint. Dann wieder fängt Freud eine unterschwellige Aggression ein wie im Bild des Buchmachers Guy mit seinem Hund Speck (1980/81). Mann und Hund blicken gleich mürrisch und herausfordernd, und der elegante Anzug erscheint als dünne Oberfläche der Zivilisation. Die Farbe trug Freud da ganz anders auf, mit breitem Pinsel und wuchtigem Strich.

Das Nebeneinander zeigt, wie sehr Freud Mensch und Tier als gleichwertig sah. Seinen Assistenten malte er nackt zwischen zwei Hunden liegend. Das Bild heißt „David, Pluto and Eli“ (2001). In vielen Bildern vereinte Freud Tiere und Aktdarstellungen, auch das unterstrich die Kreatürlichkeit. Freuds letztes, unvollendetes Gemälde beschließt die Schau, da nimmt der nackte Mann zwar das Bildzentrum ein, aber der Titel lautet: „Portrait of the Hound“ (2011).

Bis 7.6., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0271/ 405 77 10, www.mgk-siegen.de, Katalog, Snoeck Verlag, Köln, 24,80 Euro

Quelle: wa.de

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