Ausstellung „Kosmos Böckstiegel“ zeigt den Künstler als Sammler

Peter August Böckstiegels „Selbstporträt mit Familie und Ehepaar Ruck“ (um 1923) ist in Pederborn zu sehen. - Fotos: Katalog

PADERBORN - Ganz an den Rand hat Peter August Böckstiegel sich gerückt im „Selbstporträt mit Familie und Ehepaar Ruck“ (um 1923). Man muss schon genau hinsehen, um den blonden, bärtigen Künstler zu entdecken, der sich geradezu hinter seiner Frau Hanna und seiner Tochter Sonja versteckt. Er blickt sogar weg, als wolle er gerade sein Gemälde verlassen.

Die besondere Aufstellung verleiht dem eigentlich konventionellen Motiv Spannung. Vor allem lebt es aus den Farben. Kräftige Rottöne, flammendes Gelb, wuchtige Blöcke eines Tons. Zu sehen ist das Werk in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus Paderborn, in der Ausstellung „Kosmos Böckstiegel. Künstler & Sammler“. Natürlich ist die Zeit allemal wieder reif für eine Ausstellung des westfälischen Expressionisten. Seit der Werkschau des Kreises Unna auf Haus Opherdicke sind schon sechs Jahre vergangen. Und was passte besser zum Sommer als diese wuchtigen Gemälde mit ihren strahlenden Farben? Für Böckstiegel (1889–1951) war die Sonderbundausstellung 1912 ein Schlüsselerlebnis. Besonders Vincent van Gogh hat Böckstiegels Malerei auf den Weg gebracht, wie man bis ins Spätwerk verfolgen kann. Wie der Holländer trug der Westfale die Farbe dick auf, als Creme, die modelliert wird und in der die Hand des Malers nachzuverfolgen ist. Die Porträts von knorrigen Bauern aus seinem Heimatdorf Arrode wie Sussieck und Thorlümke, die Böckstiegel vielleicht noch archaischer malt, als sie in Wirklichkeit aussahen. Aber welche Vertrautheit spricht nicht aus dem Gemälde „Mein Vater 72 Jahre“ (1928), bei dem die linke Schulter zu einem Flackern schmieriger Farbstreifen verschwimmt, aber der Kopf, der sich dem Betrachter zuzuwenden scheint, ist wunderbar ausgearbeitet.

Museumsdirektorin Andrea Wandschneider hat viele Bilder aus Privatbesitz zusammengebracht. Dazu gehören prachtvolle Stillleben wie der „Blühende Kaktus“ (1927) aus der Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen, das lange nicht ausgestellt war, wie auch das „Stillleben mit Mohn“ (1927) aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig. Hier feiert Böckstiegel ein Fest der Farbe Rot. So entsteht mit rund 70 Exponaten ein überzeugender Querschnitt durch das Schaffen. Böckstiegel beherrschte eben nicht nur die Ölmalerei, sondern schuf auch wunderbare Blätter wie die Bleistiftzeichnung „Elefant“ (1928) und das Aquarell „Pfefferfresser“ (1931). Der Künstler liebte es, den Zoo in Dresden zu besuchen und die Tiere zu porträtieren. Diese Arbeiten sind selten zu sehen. Auch die herrliche Mappe „Bauernleben“ (1920) und die Radierung „Frauenkopf“ (1922) sind eine Augenweide.

Aber noch überraschender ist der zweite Teil der Ausstellung, der rund 100 Werke anderer Künstler aus Böckstiegels Sammlung vorstellt. Der Sohn von Kleinbauern wurde durch seine Bilder nie reich, auch wenn er gut vernetzt war in Dresden, wo er an der Kunstakademie studierte und wo er ein Atelier hatte. Aber er kannte eben viele Kollegen, mit denen er tauschte. Wenn er Geld hatte, kaufte er auch, was ihm gefiel. Wenn das Geld knapp war, veräußerte er auch Blätter zum Beispiel von Brücke-Künstlern. Er half ärmeren Kollegen, vermittelte Ankäufe und Ausstellungen.

Jahrelang ruhte Böckstiegels Sammlung unbeachtet in Archiven, heute gehört sei dem Böckstiegel-Freundeskreis. Seit 2018 wird sie im Museum Peter August Böckstiegel in Werther verwahrt. Mit dieser Ausstellung wird sie erstmals der Öffentlichkeit erschlossen. Wenn es in ihr auch keine großen Formate, keine kunstgeschichtlichen Sensationen gibt, so bietet sie doch einen raren Zugang zum Künstler. Es ist eine ausgesprochen persönliche Kollektion. Mit wem sich Böckstiegel buchstäblich austauschte, das erschließt sich im Kunstmuseum im Marstall von Schloss Neuhaus.

Da kann man an Grafik-Werkgruppen ablesen, dass zum Beispiel Ernst Barlach und Käthe Kollwitz für ihn Vorbilder waren, und man erkennt, dass die herbe Expressivität von Barlachs Holzschnitt „Kreuz- und Sargräuber“ (1919) in den Bauernbildnissen Böckstiegels nachhallt. Mehrere Werke von Robert Sterl hängen, der sächsische Impressionist gehörte zu den frühesten Förderern von Böckstiegel. Dass die Kollegen von der „Brücke“ vertreten sind, wundert kaum, es gibt schöne Blätter von Heckel, Pechstein und Otto Mueller. Vom Bildhauer Wilhelm Lehmbruck besaß Böckstiegel die lebensgroße Terrakotta-Büste des emporsteigenden Jünglings.

Die meisten Arbeiten stammen allerdings von Conrad Felixmüller (1897–1977), dem Bruder von Böckstiegels Frau Hanna. Der gerade 17-Jährige porträtiert das Paar 1914. Es gibt rund 40 Blätter Felixmüllers, darunter Raritäten wie „Kind und Eisenbahn“ (1921) oder der Farbholzschnitt „Der Versammlungsredner“ (um 1920).

Aber auch weniger bekannte Künstler sind zu entdecken wie der Bielefelder Bildhauer Erich Lossie. Er schuf 1913 ein Porträt Böckstiegels, das der später in Bronze gießen ließ und nun am Eingang der Schau zu sehen ist. Außerdem ist ein „Mädchenkopf“ (1918) ausgestellt, der sich an archaischen Vorbilder zum Beispiel der Pharaonenzeit orientiert.

Bis 7.10., di - so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05251 / 88 10 76, www. paderborn.de/kunstmuseum,

Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare