Ausstellung „Goldene Pracht“ in Münster

Schönheit aus dem Spätmittelalter: Die Reliquienstatuette der Heiligen Agnes (um 1520/25) aus dem Münsteraner Domschatz. ▪

MÜNSTER - Zwei goldene Häuser stehen sich gegenüber im Landesmuseum in Münster. Bei dem einen sind die Längswände regelmäßig in sechs Nischen geteilt. Auf der einen Seite ist der thronende Christus von Aposteln flankiert, auf der anderen die Gottesmutter. Das andere Haus hat ein Walmdach und unten nur drei, aber größere Nischen mit Szenen aus dem Marienleben. Zwei Meisterwerke mittelalterlicher Goldschmiedekunst sind erstmals direkt nebeneinander zu betrachten: Der Prudentia-Schrein aus Beckum und der Marienschrein aus dem belgischen Tournai. Möglich macht es die Ausstellung „Goldene Pracht“.

Von Ralf Stiftel

In unvergleichlicher Fülle versammelt die Schau die Meisterwerke der westfälischen Goldschmiede und Vergleichsstücke aus Europa. Rund 300 Exponate vermitteln den Glanz eines buchstäblich goldenen Zeitalters. Vom 12. bis zum 15. Jahrhundert war Westfalen eins der europäischen Zentren dieser Handwerkskunst. In einer gemeinsamen Anstrengung ermöglichen das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und die Domkammer von Münster diese Übersicht. Dafür trennten sich nicht nur das British Museum in London, die Bibliothèque Nationale de France in Paris, die Staatlichen Museen in Berlin auf Zeit von ihren Schätzen, sondern auch viele Kirchen wie die Cathédrale von Tournai, der Benediktinerstift St. Paul in Österreich und zahlreiche Gotteshäuser in der Region. Nirgends sonst sind so viele Reliquienbehälter überliefert wie in Westfalen, unterstreicht Petra Marx, eine der Kuratorinnen der Schau.

Der Besucher lernt eine ferne Welt kennen, unterstreicht der Historiker Gerd Althoff vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster, der die Schau mit erarbeitete. Er erläutert die Erwartungen der Menschen, die das kostbarste Material nutzten, um Gott und die Heiligen zu ehren: „Als Gegenleistung für wertvolle irdische Gaben erhofften sich die Menschen des Mittelalters das Seelenheil und dass Gott ihre Zeit im Fegefeuer verkürze.“ So wandelt der Besucher durch zwölf Ausstellungsabschnitte im Landesmuseum und der Domkammer vorbei an fast 1000 Jahre alten Bechern, Hostientellern, Kruzifixen, Bucheinbänden und Reliquienbehältern aus Silber und Gold. Alte Bücher und Gemälde, Steinskulpturen und Dokumente dienen als Vergleichs- und Anschauungsmaterial.

Gerade in Westfalen zeigt sich, wie sich in den sakralen Schätzen auch bürgerliche Identität ausdrückte. Der um 1230/40 entstandene Beckumer Schrein zum Beispiel wurde von keinem Bischof oder Adligen gestiftet. Eine Inschrift belegt, dass die Bürger der Stadt ihn bei den Osnabrücker Goldschmieden Renfridus, Hermannus und Sifridus bestellten.

Ein ganzer Raum widmet sich den Soester Kunstschätzen. Auch in dieser Hansestadt wirkten bedeutende Goldschmiede. Ihr Geschäft wurde belebt durch das Bestreben der selbstbewussten Kaufleute, sich aus der Herrschaft des Kölner Erzbischofs zu lösen. Ausgerechnet eine Wohltat des Erzbischofs Bruno spielte dabei eine zentrale Rolle: Er ließ 964 die Reliquien des Märtyrers Patroklus in die Stadt überführen. Als die Bürger den Grundstein zur Pfarrkirche St. Maria zur Wiese legten, antwortete das erzbischöfliche Stift mit der Stiftung eines prachtvollen Patroklus-Schreins. Der wurde im 2. Weltkrieg zerstört, nur acht Statuetten blieben erhalten, die in Münster zu sehen sind. Ergänzt wird das Ensemble um einen stilisierten Schrein um Nachbildungen, die die Brüder Winkelmann aus Möhnesee schufen. Die Soester Bürger beanspruchten Patroklus für sich, setzten ihn gar an die Stelle des ursprünglichen Stadtheiligen Petrus. Auch die Darstellung wandelte sich: Aus dem Märtyrer wurde ein Stadt-Roland, ein wehrhafter Ritter, wie eine 1449 entstandene farbig gefasste Steinskulptur von Heinrich Blanckebiel belegt.

Grandiose Werke erlebt der Besucher: Das zwischen 1046 und 1056 entstandene Borghorster Reliquienkreuz zum Beispiel, ein herausragendes Zeugnis sakraler kunst der Salierzeit. Aus dem Essener Domschatz kam der Buchdeckel des Theophanu-Evangeliars, der Edelsteine als Blüten auf ein ins Goldblech getriebenes Rankenwerk setzt. Der Cappenberger Barbarossa-Kopf, das vermutlich älteste profane Bildnis (12. Jh.) ist zu sehen. Eine Rekonstruktion inszeniert erhaltene Teile des Hochaltarretabels aus dem Osnabrücker Dom mit einem Gemälde der Heiligen Sippe, der thronenden Muttergottes, Statuen und Reliquienschreinen. Aus dem Münsteraner Domschatz stammt die feine Reliquienstatuette der Hl. Agnes (um 1520), die versonnen den Blick senkt und vom Künstler mit einer modischen Frisur und einem prachtvollen Brokatmantel ausgestattet wurde. Soviel Schick durfte schon sein.

Goldene Pracht im Landesmuseum und in der Domkammer Münster.

Am 25.2. freier Eintritt von 19.30 bis 22 Uhr,

bis 28.5., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr; Tel. 0251/ 590 701

http://www.goldene-pracht.de

Katalog, Hirmer Verlag, München , 29 Euro, im Buchhandel 45 Euro

Quelle: wa.de

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