Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum Berlin

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Der alte Mann sieht im Kind, seinem Enkel vielleicht, die Zukunft seines Geschlechts: Domenico Ghirlandaios Bildnis kam aus dem Louvre nach Berlin. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BERLIN–Welch Kontrast: Der alte Mann mit der verwachsenen Nase (Folge einer Hauterkrankung) und der unschuldige blonde Knabe, der zutraulich zu ihm aufblickt. Um 1490 malte der florentinische Meister Domenico Ghirlandaio dieses Doppelporträt, das aus dem Louvre ins Bode-Museum nach Berlin kam. Ein archetypischer Kontrast der Lebensalter. Zugleich einer von vielen Höhepunkten der Ausstellung „Gesichter der Renaissance“.

Wieder bilden sich Schlangen, wie beim Gastspiel der französischen Impressionisten aus dem Metropolitan Museum (2007). Die Staatlichen Museen Berlin inszenieren Ausstellungsevents wie wenige andere Häuser. Und sie locken natürlich mit publikumsträchtigen Namen, allen voran der „Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci, die aus der Krakauer Czartoryski-Stiftung kommt. Sie bleibt zwar nicht für die gesamte Dauer der Schau, weil sie Ende Oktober weitermuss zu einer Leonardo-Retrospektive in London. Aber der Partner der Berliner, das Metropolitan-Museum New York, bekommt sie für die zweite Ausstellungsstation gar nicht.

Dieser Hitparade der Alten Meister ist der Erfolg gewiss. Neben Leonardo gibt es fast ein Dutzend Werke Botticellis zu sehen, Pisanello, Raffael, Bellini, Mantegna sind vertreten. Wer fragt da noch nach Inhalten? Dabei wirkt der Funktionswandel des Bildnisses bis in die Gegenwart nach. Heute inszenieren Popstars wie Lady Gaga ihr Äußeres und damit ihr Image immer neu. Bei den Porträts der Fürsten und reichen Kaufleute im Italien des 15. Jahrhunderts war das kaum anders. Das eigene Bild war eine harte Währung im Streben um Anerkennung, Prestige und Macht. Und die reichen Auftraggeber in der blühenden Wirtschaftsregion Italien waren wählerisch. Leonello d‘Este, der Markgraf von Ferrara, war kein schöner Mann. Nur Pisanello meisterte die Aufgabe, die Hakennase, die fliehende Stirn, den kräftigen Kiefer so zu glätten, dass das Profil dem Herrscher zusagte.

Die Schau führt eindrucksvoll vor, wie sich das Porträt entwickelte. Rund 150 Werke bieten reiches Anschauungsmaterial, nicht nur Gemälde, sondern auch Zeichnungen, Skulpturen und Medaillen. Die Schau wurde nach italienischen Regionen arrangiert: Florenz, Venedig und weitere Höfe mit Adelsfamilien wie d‘Este, Gonzaga, Sforza.

Bilder wurden angefertigt, damit ein Mann sich eine Ehekandidatin vorab anschauen konnte. Gemälde konnten als Zeichen der Freundschaft dienen, heute würde man sagen, man schuf Netzwerke mit dem Austausch von Bildnissen. Manchmal ging es buchstäblich um die Verewigung des Nachruhms. Oder um ein politisches Statement: Am 26. April 1478 wurde Giuliano de‘ Medici ermordet von Anhängern einer rivalisierenden florentinischen Bankiersfamilie. Daran erinnern Gemälde, die Schau fährt gleich drei Fassungen des Motivs von Botticelli auf, aber auch eine Medaille von Bertoldo di Giovanni. Der überlebende Bruder Lorenzo nutzte die Erinnerung durch die Bilder, um seine Stellung als faktischer Herrscher zu unterstreichen.

Im Mittelalter waren Porträts Beiwerk, ließen sich Auftraggeber als Stifter klein zu Füßen von Heiligen porträtieren, wie es auf Gentile Bellinis „Maria mit Kind“ (um 1460) zu sehen ist. Wie diese Stifterbildnisse zeigen die frühen Porträts die Menschen fast nur im strengen Profil, zum Beispiel Masaccio mit seinem Porträt eines Mannes (um 1426/27). Naturnähe war oft nicht beabsichtigt, wie drei Damenbildnisse von Antonio und Piero del Pollaiulo zeigen: Das stilisierte Antlitz bleibt, Frisur, Schmuck und Kleid variieren. Um 1450 wandelte sich der Geschmack. Die Künstler wählten nun Frontalansichten, bei denen der Betrachter mit dem Dargestellten in Blickkontakt treten konnte.

Leonardos Porträt der „Dame mit dem Hermelin“ bildet einen Neubeginn. Stefan Weppelmann, mit Keith Christiansen Kurator der Schau, deutet das komplexe Werk im Katalog als besondere Huldigung an die Dargestellte Cecilia Gallerani, die Geliebte von Ludovico Sforza, und natürlich den Signore selbst. Das Bild wirkt wie eine moderne Momentaufnahme, schnappschusshaft, aber Leonardo setzt das Hermelin, das symbolisch für Reinheit und Tugend steht, mit der Dame gleich: Sie ergibt sich ehrenhaft dem „Jäger“ Ludovico.

Ein Höhepunkt, gewiss, doch die Schau bietet ebenso an anderen Stellen höchsten Kunstgenuss. Sensationell sind die Skulpturen, zum Beispiel Mino da Fiesoles Marmorbüste von Niccolò Strozzi (1454): Man glaubt, dieser Mann mit seinem Specknacken und vollen Wangen würde gleich zu atmen beginnen. Oder Antonio Rizzos markantes Porträt des Dogen Cristofero Moro (1462/64). Hinreißend auch die Zeichnungen, sei es gleich am Eingang Fra Angelicos wundervoll plastischer Kopf eines Geistlichen (um 1448), sei es Andrea Mantegnas Kreide-Porträt des Francesco Gonzaga (1490er Jahre), das ungemein monumental wirkt, obwohl es stark beschnitten wurde.

Gesichter der Renaissance im Bode-Museum Berlin. Bis 20.11., tägl. 10 – 18, do bis 22 Uhr, Tel. 030/ 266 42 42 42, wegen des Andrangs sollte man vorab ein Besuchs-Zeitfenster buchen.

http://www.smb.museum/gesichter

Katalog, Hirmer Verlag, München, 29 Euro

Quelle: wa.de

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