Ausstellung „Friederisiko“ im Potsdamer Schloss

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Herrscher-Chic: Friedrich II. als Kleiderpuppe mit seinen Windspielen. ▪

POTSDAM ▪ Als Friedrich 1763 den Siebenjährigen Krieg mit Glück und Geschick siegreich überstanden hat, beginnen umgehend die Bauarbeiten für ein großes, repräsentatives Schloss an der Westseite des Parks von Sanssouci. Dieses Schloss ist Schauplatz und Hauptexponat der Ausstellung „Friederisiko“. 50 000 Besucher haben die Schau schon gesehen.

Von Klaus Grimberg

Bis in die kleinsten Details beeinflusst der König die Architektur und die Innenausstattung des Neuen Palais: Denn in dem prunkvollen Bau spiegelt sich das politische und kulturelle Selbstverständnis eines Herrschers, der seinen Staat gerade erfolgreich als neue Großmacht auf der europäischen Bühne etabliert hat.

In nur sechs Jahren Bauzeit wird das Schloss bis 1769 vollendet. Friedrich wird es bis zu seinem Tod 1786 immer nur wenige Wochen im Jahr als Wohnort nutzen. Es dient ihm vor allem als Gästehaus und als Schauplatz der sommerlichen Familientreffen, bei denen der alternde König durch vorteilhafte Vermählungen seiner zahlreichen Nichten und Neffen eine aktive dynastische Politik betreibt. Insofern ist das Neue Palais ein exakt durchdachtes Instrument der Selbstdarstellung. Heute würde man sagen: Ein genialer PR-Schachzug.

Den Kuratoren von „Friedrisiko“ geht es vor allem darum, das Schloss für die Besucher „aufzuschließen“. Friedrich hat sein Selbstbild, seine Ideen und Überzeugungen in vielerlei intellektuellen oder mythologischen Anspielungen verklausuliert – durch Gemälde und Skulpturen, durch kostbare Interieurs und verschwenderische Dekors oder schlicht durch die ungewöhnliche Anordnung der Räume. „Sanssouci ist, wie Friedrich sein wollte“, so lautet eine griffige Formel der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, „das Neue Palais aber ist, wie Friedrich geworden ist“.

Die zwölf Themenbereiche der Ausstellung werden innerhalb des Prachtbaus immer genau dort gezeigt, wo sich aus den Räumen inhaltliche Bezüge herstellen lassen. Das Kapitel „Tagesgeschäft“, das sich mit Friedrichs minutiösem Tagesablauf beschäftigt, spielt in seiner privaten Wohnung, die genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Die größtenteils schwierigen, von vielen Verletzungen begleiteten Beziehungen zu seinen Freunden greift die Abteilung „Verhältnisse“ auf, die im Appartement des Marquis d’Argent eingerichtet ist, das dieser jedoch nach dem Zerwürfnis mit Friedrich nie bezog. Der Abschnitt „Horizonte“ wird im Grottensaal und der Marmorgalerie inszeniert, denn hier finden sich besonders viele Hinweise auf Friedrichs Gedankenwelt: Zitate der antiken Mythologie und der europäischen Architekturgeschichte führen die politische und intellektuelle Kraft des Königs sinnbildlich vor Augen.

Der Rundgang führt durch 72 Räume, von denen ein Drittel erstmalig oder seit Jahrzehnten wieder zugänglich ist. 480 zusätzliche Exponate aus ganz Europa akzentuieren und verstärken das imposante Ambiente der Säle und Kabinette. Durch die Gliederung in Themenfelder können die Besucher selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge sie sich das Schloss und damit auch Friedrich erschließen wollen. Ganz gleich, wo man beginnt – eines wird schnell klar: Diese Ausstellung strebt nicht nach einer Neuinterpretation der historischen Figur. Sie versucht stattdessen, dem privaten Friedrich näher zu kommen, seinen Fähigkeiten und Neigungen, aber auch seinen Fehlern und Schwächen. War Friedrich der Große auch ein „großer“ Mensch? Darauf geben die Kuratoren keine eindeutige Antwort. Oder nur so viel: Friedrich war König UND Mensch, eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit, die man im Neuen Palais so intensiv ergründen kann wie an keinem anderen Ort.

Dass der Großschau mit „Friederisiko“ ein Titel übergestülpt wurde, der in der Verbindung von „Friedrich“ und „Risiko“ ein inhaltliches Leitmotiv andeutet, mag man der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten verzeihen. Das knappe Kunstwort taugt – ganz im Friederichschen Sinne – als zugespitzter PR-Slogan. Die Risikobereitschaft als entscheidenden Schlüssel zu seiner Persönlichkeit hervorzuheben, erscheint indes buchstäblich gewagt. Gewiss: Friedrich setzte gerade als Feldherr immer wieder viel aufs Spiel. Doch gerade in seinen persönlichen Beziehungen erscheint er oft als vorsichtiger Zauderer, dem es schwerfällt, sich selbst engsten Vertrauten zu öffnen.

Absolut sehenswert ist die Ausstellung dennoch. Aus den vielfachen Wechselwirkungen zwischen dem Neuen Palais und dem Leben und Wirken Friedrichs entsteht ein neues, unmittelbares Bild des großen Preußen-Königs fernab kriegerischer Schauplätze und historischer Deutungsschlachten: So privat war Friedrich noch nie!

Friederisiko.

Neues Palais Potsdam,

bis 28. Oktober, täglich außer di 10 – 19, sa/so 10 – 20 Uhr;

Tel. 0331/ 96 94 200

http://www.friederisiko.de

Katalog 29,90 Euro, Essayband 34,50 Euro, zus. 49 Euro, Hirmer Verlag, München

Quelle: wa.de

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