Ausstellung „Frauenzimmer“ auf Schloss Morsbroich

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Stahlobjekte von Thea Djordjadze im Museum Morsbroich Leverkusen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ LEVERKUSEN–Weich, warm und edel sieht das helle viereckige Bodenbild aus, das im barocken Wasserschloss Morsbroich in Leverkusen zu finden ist. Ist es kuschelige Wolle, Sand vom Meer oder was noch? Auf dem Holzparkett hat Karla Black eine Projektionsfläche geschaffen, die sensitiv jeden Wunsch erfüllt, aber letztlich aus Gipspulver besteht. „More Of The Day“ (2011) füllt den Raum und lässt den Betrachter um das Kunstwerk herumlaufen, so dass einem klar wird, hier ist der dreidimensionale Freiraum vom Bodenbild absorbiert.

Solche sphärischen Eingriffe in die Schlossräume sind programmatisch für die Ausstellung „Frauenzimmer“ im Museum Morsbroich. Sieben Künstlerinnen haben sich der zwei bis vier Zimmer umfassenden Raumfolgen des Barockschlosses angenommen und ihre Kunst platziert oder Werke für die Ausstellung geschaffen. Karla Black aus Schottland hat eine zartfeine Oberfläche gespannt und an einer Stelle Arbeitsspuren hinterlassen. Im Weiß des Gipspulvers sind in einer Ecke Druckflächen zu sehen, staubgleiche Reste von Blau und Rosa finden sich auf einem Transparentpapier und im Bodenbild selbst. Lidschatten, Rouge und Kreide bringt Karla Black auf, eine Verwendung von Farben, die nie enden wird und deshalb prozesshaft in dem temporären Werk erscheint.

Auch die Italienerin Tatiana Trouvé nimmt sich den Raum vor. Sie legt allerdings Spuren, wenn ein Kupferrohr in der Wand verschwindet, aus einer Luftklappe unter der Decke wieder herausschaut und unter einem Einbau in Zimmer zwei wieder abtaucht. Wohin? Was wird das? Der Betrachter wird mitgenommen. Trouvé verunsichert und macht neugierig. Surreale Möbelstücke mit Schmauchspuren eines Feuers stehen herum. Türklinken auf zu kleinen Öffnungen sind zu sehen. Sie wirken wie Traumstücke. Am Ende ist ein Gehege hinter Glas erkennbar. Darin liegen Baustoffreste auf einem Erdwall: Holzfurnier, Melanin- und Schichtplatten, Sprelacart. Oder ist es Futter für ein Wesen, das durch die kleine Türöffnung rechts in der Wand zurück kann, ins Refugium des Fremden? Wer fühlt sich hier zuhause?

Solche erzählerischen Motive finden sich bei den anderen Künstlerinnen nicht. Ganz zurückgenommen, ganz minimalistisch ist Kitty Kraus (Berlin). Sie legt zwei Glasscheiben und stellt zwei weitere im rechten Winkel zueinander. So berührt sie den zentralen Raum in der ersten Etage fast unmerklich. Dazu dreht sich der Plastikgriff eines Einkaufswagens („Plus“) an der Zimmerwand (mit Motor) – ein Moment von Ewigkeit in unserem Alltag. Nebenan sind Stoffstücke gelegt (Anzugsstoff, 2011): schwarz, schwarz, grau.

Auf das Wiederkehrende geht auch Thea Djordjadze (Georgien) ein. Ihre erste Stahlskulptur (2011) gibt den Schwung einer Bewegung als materialisierte Linie wieder. Sie macht die Köperlichkeit mit Hilfe der kinästhetischen Methode sichtbar. Vor allem aber zeigt sie in Leverkusen schlichte Stahlgestelle, die an Liegen und Tische erinnern. An moderne Möbel, die hier abstrahiert erscheinen und dem Barockzimmer etwas Konventionelles zurückgeben. Dabei birgt das flache wie mehrkantige Stahlgerüst einfache Materialien. Einmal ist weiße Farbe satt auf groben Stoff aufgetragen. Gestische Konturen zeugen von einer malerischen Abstraktion. Ein anderes Stahlobjekt bringt weiße Farbe und Schaumstoff zusammen, oder es wird ein Stahlgitter mit Weiß überzogen. Thea Djordjadze drückt Empfindungen aus.

Sehr sinnlich wirken die Objektensembles von Carol Boves. Die Schweizerin, die in New York arbeitet, inszeniert Muscheln, Korallen, Treibholz und Drahtstücke auf erhabenen Sockeln. Außerdem kommentiert sie mit ihren Fotocollagen („Panegyric“, 2003) gesellschaftliche Rollenbilder der Frau und mit ihrem Regal „At Home in The Universe“ (2001) politische Verbindungen zu den 60/70er Jahren. Reaktionen auf Schloss Morsbroich sind diese Arbeiten aber nicht.

In weiteren Räumen finden sich Exponate von Isa Genzken („Weltempfänger“, „Soziale Fassade“, die Säule „Pavillon I“) und Sara Barker, die dünne Stücke von Pappe, Sperrholz, Alu, Stahl und Kette zu fragilen Konturgebilden reiht, klebt und verschraubt. Es sind zerbrechliche Gegenentwürfe zum Raum selbst und damit in feinfühliger, ganz materialarmer Opposition.

Frauenzimmer im Museum Morsbroich Leverkusen.

Bis 13. November; di, mi, fr, sa, so 11 – 17 Uhr, do bis 21 Uhr;

Katalog 25 Euro;

Tel. 0214 / 855560;

http://www.museum-morsbroich.de

Quelle: wa.de

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