Ausstellung „Im Farbenrausch“ im Museum Folkwang

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Die Erotik der Farbe: Ernst Ludwig Kirchners „Mädchen unter Japanschirm“ (1909) ist in Essen zu sehen. ▪

ESSEN - So stellt man sich wilde Kunst vor: Lasziv windet sich die schöne Nackte unter dem bunten Papierschirm. Am oberen Bildrand, wo in mittelalterlichen Altären gern niedliche Engelchen flattern, da tummeln sich munter weitere Nackte.

Von Ralf Stiftel

Ernst Ludwig Kirchner hat sein Gemälde „Mädchen unter Japanschirm“ mit groben Strichen ausgeführt, manche Details nur angedeutet. Gerade diese vorgebliche Flüchtigkeit aber verleiht dem um 1909 entstandenen Bild seine Anziehungskraft. Und natürlich die kräftig gesetzten Farben: der Akkord aus giftigen Gelb- und Grüntönen, in die blauschwarz eine Diagonale eingeschrieben ist.

„Zurück zur Natur“ wollten sie, die jungen Rebellen, die 1905 in Dresden die Künstlergruppe „Die Brücke“ gründeten. Aber sie standen nicht so allein. In Frankreich hatten schon vorher die „Fauves“, die Wilden, in den Pariser Salons Furore gemacht, Henri Matisse, André Derain, Maurice de Vlaminck. Und in Norwegen hatte Edvard Munch mit seiner Malerei die Bürger provoziert. Heute zählen die Werke all dieser Künstler zum Populärsten, was ein Museum zeigen kann. Und so darf auch das Museum Folkwang in Essen mit seiner Ausstellung „Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten“ auf Besucherströme hoffen. Das garantiert auch die Kombination von nackt, bunt und berühmt.

Es ist noch eine üppigst bestückte Präsentation zur frühen Moderne. Gerade erst lockt in Köln das Wallraf-Richartz-Museum mit der Rekonstruktion der Sonderbundausstellung von 1912. Essen zeigt, so Mario-Andreas von Lüttichau, der mit Sandra Gianfreda die Schau kuratierte, die Wurzeln des Expressionismus. Dabei konzentriert sich Essen auf die Jahre 1905 bis 1911. Nicht zuletzt durch den Sammler Karl-Ernst Osthaus, der in Hagen das Museum Folkwang gegründet hatte, waren die Meister aus Frankreich und Skandinavien schon zu dieser Zeit in Deutschland präsent.

Geheimnisse verrät die Essener Ausstellung also nicht, wenn sie herausstellt, wie sehr Munch und Matisse die deutschen Expressionisten beeindruckten, der Norweger durch seine Motive, der Franzose durch seine Farbauffassung. Allerdings macht sie die Befunde besonders schlagend deutlich, wenn sie zum Beispiel an einer Wand das „Sitzende Mädchen“ (1909) von Matisse mit zwei Aktgemälden Kirchners flankiert wird, und neben Munchs „Sitzender Akt auf dem Bett“ (1902) Darstellungen von Heckel und Pechstein hängen. Munchs Portrait von Harry Graf Kessler (1906) scheint sich in Kirchners Bildnis Erich Heckel (1919/20) zu spiegeln, und Pechstein hat sich für seine „Ruhende“ (1911) offenbar von Munchs „Am Tag danach“ (1894) anregen lassen. Eigentlich hätte das Museum noch van Gogh in den Titel einbeziehen müssen. Auch von ihm sind wichtige Arbeiten zu sehen, und die frühen Bilder der „Brücke“ sind ihm unübersehbar verpflichtet was die Nutzung unvermischter Farben und die Art des Farbauftrags anbelangt.

Diese Schau verdeutlicht also eher Bekanntes als Neues mitzuteilen. Aber sie glänzt wieder mit Leihgaben hohen Ranges. Rund 150 Werke sind ausgestellt, darunter Leihgaben aus dem Museum of Modern Art, der Neuen Galerie und dem Metropolitan Museum New York, dem Musée d‘Orsay Paris, der Tate Gallery London, aus der Eremitage in St. Petersburg, aus Jerusalem und Canberra.

Die Ausstellung lohnt vor allem als Zusammenschau von Meisterwerken, die man noch nicht unter einem Dach sah. Zehn Werke von Munch, darunter das mehr als zwei Meter hohe Bild „Badende Männer“ (1907-1908), das Nacktheit unverhohlen ausstellt. Aus dem Puschkin-Museum in Moskau kamen die berühmten „Mädchen auf der Brücke“ (1902).

Von Matisse werden sogar 14 Werke gezeigt, darunter das relativ kleine, aber wegweisende „geöffnete Fenster“ (1905) mit seinem komplexen Verhältnis zwischen den ruhigen Wänden und dem Blick in die bewegte Außenwelt. Die Boules-Spieler (1908) vertreten ein motivisch ähnliches Bild, das Osthaus angekauft hatte, die „Badenden mit Schildkröte“. Die Landschaft ist auf fast monochrome Streifen reduziert, die Figuren erscheinen wie aufgeklebt.

Dann fackeln die Expressionisten Farbfeuerwerke ab. Kirchner, mit 14 Werken vertreten, ein „Sitzender schwarzhaariger Mädchenakt“ (1909/10) aus Privatbesitz war bislang noch nicht ausgestellt. Zehn Werke Heckels werden gezeigt, darunter das provokative „Mädchen mit Puppe“ (1910). Ein halbes Dutzend Werke von Schmidt-Rottluff sind zu sehen, darunter „Parkweg“ (1911), bei dem das Motiv im wuchtigen Wechselspiel der Farben fast nicht zu erkennen ist.

Aber auch die Maler des „Blauen Reiters“ sind berücksichtigt, so sieht man Franz Marcs hinreißendes „Pferd in Landschaft“ (1910) und Wassily Kandinskys großes „Bild mit Bogenschützen“ (1909), das seine märchenhafte Fabel fast ganz in organische Abstraktion übersetzt. Und man kann mit fabelhaften Beispielen Werke der Fauves studieren, von Émile Othon Friesz, de Vlaminck, Derain und anderen.

Mehr Farbe, soviel steht fest, geht kaum noch.

Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten im Museum Folkwang, Essen. 29.9.–13.1.2013, di – so 10 – 20, fr bis 22.30 Uhr,

Tel. 0201/ 8845 444, www. folkwang-im-farbenrausch.de,

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 35 Euro

Quelle: wa.de

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