Die Ausstellung „Empört Euch!“ bringt politische Kunst in den Kunstpalast

Ein Möbel der Gewalt: Thomas Hirschhorns Skulptur „Arch (Growing Assertiveness)“ (2006) steht im Düsseldorfer Kunstpalast. Foto: Stiftel

Düsseldorf – Der Torbogen von Thomas Hirschhorn wirkt aus der Distanz wie ein relativ harmloses Möbel. Als ob ein unbedarfter Amateur seine Bastelwut ausgetobt hätte, um ein Ding irgendwo zwischen Altar und Theke zusammenzuzimmern. Fotos sind aufgeklebt und Schriftzeilen, Schilder sind aufgesetzt. Je näher man aber kommt, je mehr man sich in die widersprüchlichen Botschaften vertieft, desto schockierender wird diese Arbeit aus Billigmaterialien. Dem Friedenssymbol der Hippies antwortet der Totenschädel. Dazwischen sieht man Opfer von Kriegen, Fotos von abgerissenen Beinen und Armen, von blutigen Körpern. Das Objekt „Arch (Growing Assertiveness)“ (2006) entpuppt sich als Innenraum-Mahnmal, als Denkanstoß zu Gewalt und Krieg.

Die Arbeit des Schweizer Künstlers steht im Kunstpalast in Düsseldorf. Eigentlich sollte dort die Ausstellung „Empört Euch! – Kunst in Zeiten des Zorns“ mit 75 Arbeiten von 36 Künstlern zu sehen sein. Die Schau bietet eine Übersicht darüber, wie Bilder und Objekte auf die Krisensymptome der Gesellschaft reagieren. Sehen kann die Schau derzeit natürlich niemand. Museen sind wegen des Corona-Lockdowns geschlossen.

Aber gerade diese von Linda Peitz und Florian Peters-Messer kuratierte Ausstellung offenbart, wie absurd es ist, den Kunstbetrieb einfach so als Freizeitgestaltung zu vereinnahmen. Hier macht man sich nicht eben ein paar schöne Stunden. Der Ausstellungstitel zitiert den Essay des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, der 2010 zum Widerstand gegen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft aufforderte. Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalasts, stellt fest, dass „die Gegenwartskunst sich in den letzten Jahren verstärkt mit teils brisanten Werken den gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit“ stelle.

Die Kunstwerke hier sollen nicht still genossen werden. Sie fordern den Diskurs, das Mitdenken, vielleicht auch Widerspruch. Manchmal machen sie es auf krude, direkte Art wie die US-Malerin Judith Bernstein in ihrem Gemälde „Trump Horror“ (2017). Der inzwischen abgewählte US-Präsident erscheint dort als monströses Zerrbild mit einer zähnestarrenden Vagina statt eines Mundes. Die gleiche Zielrichtung, aber eine ganz andere Tonart hat die minimalistsche Skulptur „T.L.“ (2019) des britischen Bildhauers Tim Etchells. Er hat in zwei Bretter Schriftzüge gefräst: „Trump lies“ und „Trompe l’Oeil“, womit er das Phänomen der „Fake News“ mit einem künstlerischen Stilmittel zusammenbringt. Sind die präsidentiellen Lügen nur eine Augentäuschung, so leicht zu durchschauen wie die einfachen gespiegelten Schriftzüge dieser Skulptur?

Die bosnische Künstlerin Sejla Kameric füllt eine Wand mit ihrer Arbeit „Bosnian Girl“ (2003), in der sie Bezug nimmt auf das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 bosnisch-serbische Milizen 8000 muslimische Jungen und Männer ermordeten, unter den Augen untätiger Blauhelm-Soldaten der UNO. Ein Poster zeigt die Künstlerin, dazu den Schriftzug „No teeth...? A moustache...? Smells like Shit...? Bosnian Girl“. Die unflätige Beschimpfung der Opfer hinterließ ein unbekannter niederländischer Soldat an einer Kasernenwand. Vor der Wand liegt ein Stapel kleinerer Plakate mit dem Motiv. Besucher können jeweils eins mitnehmen.

Auch an anderen Stellen versucht die Schau, das Publikum einzubeziehen. So hat die britische Künstlerin Natasha A. Kelly einen „Giftschrank“ (2016/20) installiert, an dem Besucher sich über diskriminierende Sprache informieren können. Jede Schublade enthält eine Schachtel mit einem Wort wie „Mischling“ oder „Schwarzafrikaner“, und auf dem Bildschirm darüber erklären „Persons of Color“, wie sie angesprochen werden möchten. Da bekommt die Schau einen starken Einschlag ins Didaktische.

Das mag auch für die Installation „Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space“ gelten, die der japanische Künstler Yoshinori Niwa 2018 für den Steirischen Herbst schuf. Vor dem Kunstpalast steht ein Altkleidercontainer, in dem Menschen Relikte aus dem Nationalsozialismus entsorgen können, auch die alte Uniform des Onkels.

So bewegt sich die Schau durch die Problemzonen unserer Gegenwart. In dem Video „American Reflexxx“ (2015) dokumentieren die US-Künstlerinnen Signe Pierce und Alli Coates die aggressiven Reaktionen in der Öffentlichkeit auf Menschen, deren Äußeres von den Erwartungen abweicht. Pierce präsentiert sich in einem Striptease- Body und unter einer silbern reflektierenden Maske auf einer nächtlichen Strandpromenade. Ihre lasziven Posen erregen Aufmerksamkeit. Menschen filmen sie mit Handys, beginnen sie zu verfolgen. Sie wird angestarrt, verspottet, angemacht, angegriffen. Ihr offensives Posieren erzeugt immer stärkere Reaktionen bis hin zu körperlicher Gewalt. In ähnlicher Weise platziert Iris Kettner in Berliner U-Bahnhöfen eine mit Maske als Superheld ausstaffierte, aber ansonsten eher wie ein Obdachloser gekleidete Figur und filmt die Reaktionen („Superheroes 2“, 2004).

Der Berliner Künstler Jens Pecho hat in seinem Video „Medley“ (2008) 143 homophobe Bruchstücke aus Hip-Hop, Reggae, Black Metal und anderen Musikrichtungen zu einer neuen Komposition montiert. Die Textzeilen reichen von einfachen Beschimpfungen der „Faggots“ (Schwuchteln) bis zu klaren Drohungen wie „Kill every Gay“. Die südafrikanische Fotografin Zanele Muholi dokumentiert in ihren Fotoporträts die queere und lesbische Szene ihres Landes.

Es gibt aber auch Momente der Besinnung: Die von Geburt an gehörlose Künstlerin Christine Sun Kim reagiert mit Kohlezeichnungen auf Alltagsmomente: „Six Types of Waiting in Berlin“ (2017), und die Blätter sind wie Partituren, Notenschriften einer Wartemusik.

Und der irakische Künstler Hiwa K trägt im Video „Pin-Down“ (2017) seine Meinungsverschiedenheiten mit dem kurdischen Philosophen Bakir Ali beim Kampfsport aus. Sie diskutieren, sie ringen, am Ende reden sie wieder. So kann Kampf in Frieden münden.

Bis 10.1.2021,

zur Zeit geschlossen,

di – so 11 – 18, di bis 21 Uhr,

Tel. 0211/ 566 42 100, www.kunstpalast.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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