Ausstellung „Die 7 Todsünden“ im Landesmuseum für Klosterkultur

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Bestrafte Übeltäter: Conrad Dinckmuts Farbholzschnitt „Das Fegefeuer“ (Ulm, 1483) ist im Klostermuseum zu sehen.

Von Ralf Stiftel LICHTENAU-DALHEIM - Im Fegefeuer passen die Strafen genau zu den Sünden: Dem Schlemmer wird eingetrichtert, der Geizige muss Münzen schlucken, die Wollüstigen werden von Schlangen an den Genitalien gebissen, dem Zornigen setzt ein Teufel mit dem Schwert zu. Der Holzschnitt von 1483 zeigt dem potenziellen Übeltäter ganz ohne Worte, was ihm blüht. Wer wollte da nicht lieber tugendhaft sein?

Zu sehen ist das Blatt von Samstag an in der in Lichtenau-Dalheim. Rund 300 Schaustücke bieten einen Überblick über mehr als 1500 Jahre Kultur- und Moralgeschichte. Es ist, so Museumsdirektor Ingo Grabowsky, die erste museale Aufarbeitung des Themas.

Schon der Apostel Paulus zählte im Brief an die Galater Sünden und Tugenden auf. Aber es war der Eremit Evagrius Ponticus (345–399), der einen Katalog formulierte, da noch aus acht Todsünden, für den Gebrauch der Mönchsbruderschaften in der ägyptischen Wüste. Er benannte gleichsam die Dämonen, die einen Asketen heimsuchen konnten – auf dass dieser gewappnet sei. Von seiner Lehre zeugt das älteste Exponat der Schau, ein Ostrakon, eine beschriebene Steinscherbe. Papst Gregor der Große (540–604) entwickelte daraus das Schema der sieben Todsünden – sieben ist als magische Zahl viel griffiger. Und so fürchteten Christen von da an Ruhmsucht, Neid, Zorn, Trägheit, Habsucht, Völlerei und Wollust.

Bis heute misst sich die Unmoral im christlichen Abendland in diesen Kategorien. Man findet sie sogar noch in Schwundformen wieder wie im Werbeslogan „Geiz ist geil“. Relevant ist die aktuelle Ausstellung im Klostermuseum also. Und weil der Sündenkatalog auf Mönche zurückgeht, ist er auch am rechten Platz untergebracht. Mit großen Schaubildern und Schauwänden in sündigem Rot inszeniert die Schau ihre Objekte stark. Alte Folianten und mittelalterliche Altartafeln wie eine „Versuchung des Hl. Antonius“ des „Meisters von 1445“ zeigen frühe Sündendarstellungen. Wunderbar die geschnitzten Statuetten der Todsünden, die Peter Dell im 16. Jahrhundert schuf. Hier sind die Sünden schon verweltlicht, als Frauen dargestellt: Eine hebt verführerisch den Rock, eine besonders füllige schaut begehrlich in eine Schale mit Süßigkeiten.

Unterhaltsam ist es allemal, wenn man auf der kulturgeschichtlichen Reise zum gläsernen Phallus kommt, den die Äbtissin des Damenstifts Herford besaß. Wobei die Forscher nicht genau wissen, ob die Dame sich damit unkeusch befriedigte oder ob sie das Stück als Scherz benutzte, als albernes Trinkgefäß zum Beispiel. Auch das Kondom aus dem frühen 19. Jahrhundert mag frivole Heiterkeit erregen: Der Überzieher aus Stoff sollte nicht verhüten, sondern vor Geschlechtskrankheiten schützen. Und in jener Zeit der bürgerlichen Fassade lauerte in einer Schnupftabakdose (um 1825) unter dem Bild der züchtigen Musikantin eine zweite Darstellung, auf der sie nackt und mit gespreizten Beinen bereit ist, einen Mann zu empfangen.

Der Tugendkanon der Ausstellung ist nicht immer trennscharf in seinen kategorien. Sind Darstellungen von Rassismus Zeugnisse des Hochmuts der Europäer? Dann passt natürlich die Grafik der „Venus hottentote“ (um 1814) in die Schau, auf der blasierte Herren in bunten Anzügen die Afrikanerin mit dem ausladenden Gesäß begaffen, die seinerzeit wie ein Zootier ausgestellt wurde.

Sehr ernst wird die Schau, wenn sie sich dem Nationalsozialismus zuwendet, der Sünden zu Tugenden umlog. Herzensträgheit bei der Vernichtung der Juden und die Habgier gegenüber ihrem Eigentum wurden zur Pflicht erklärt. Es galt sogar: „Es gibt nur eine Sünde: Feigheit“.

Vielleicht rächt sich hier der eher positivistische Zugriff auf das Thema. Die „Todsünden“ werden nicht hinterfragt, sondern gleichsam als allgemein menschliche Konstanten dargestellt. Dass sie auch ideologische Machtinstrumente waren und wie sie dabei funktionierten, kommt nicht zur Sprache. Vielleicht ist das aber auch von einem ersten Zugriff auf ein Thema zuviel verlangt. Und wie die Nazis die Juden durch antisemitische Klischees vom Geiz bis zur Wollust ins Sünderschema der christlichen Tradition einpassten, das sieht man in Dalheim natürlich.

Aber auch in weniger mörderischen Zusammenhängen erweisen sich die Tugenden als höchst wandelbare moralische Maßstäbe. Nach 1945, im aufkommenden Wirtschaftswunder, wird zum Beispiel die Völlerei propagiert. In einer Serie von Werbefilmen hält die Kamera zum Beispiel beim Wochenschaubericht von einer Ernährungsmesse auf wohlgerundete Gesichter und pralle Bäuche. Und das Doppelkinn des Kochs verhöhnt alle Askese, wenn er befiehlt: „Jeden Tag gut essen“.

Der Mönch Evagrius fände heute reichlich Todsünden, sei es nun der nationale Hochmut nach der Fußball-WM, der sich in der Zeitungsschlagzeile manifestiert: „Die Nummer 1 der Welt sind wir“, sei es im Zorn der Wutbürger, die gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 protestieren. Was würde er erst sagen zu einer durchsexualisierten Gegenwart, in der selbst für Kaminholz noch mit einem prall gefüllten Dirndl-Dekolleté geworben wird? Die Ausstellungsmacher wünschen sich, dass die Besucher sich in der Schau wiederfinden, ihr eigenes Verhältnis zu Sünde und Tugend bedenken. Material dafür bieten sie genug

Erste museale Übersicht über eins der wichtigsten Moralkonzepte des Abendlands:

Die 7 Todsünden im Landesmuseum für Klosterkultur in Lichtenau-Dalheim.

30.5.–1.11., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05292/ 93 190, www.lwl.org/LWL/Kultur/kloster-dalheim/

Katalog, Ardey Verlag, Münster, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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