Ausstellung „Die Bildhauer“ in der Kunstsammlung NRW

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Kunst, die ins Auge geht: Günther Ueckers „Barrikade“ (1968/69) aus übergroßen Nägeln ist in der Ausstellung „Die Bildhauer“ in der Kunstsammlung NRW zu sehen. J

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–So groß kennt man Günther Ueckers Nägel nicht: Übermannsgroß stapeln sie sich mit dazwischen gepackten Sandsäcken zur „Barrikade“ (1968/69). Der 1930 geborene Künstler verarbeitete in der Skulptur Kriegserinnerungen. Als Jugendlicher hatte er versucht, seine Familie vor den angreifenden Russen zu schützen, indem er Tür und Fenster vernagelte.

Die Arbeit ist in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen, in der Ausstellung „Die Bildhauer“. Die Kunstakademie Düsseldorf ist bekannt für prominente Maler wie Gerhard Richter, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz. Und in der Fotografie genießt die Becher-Schule Weltruhm. Dass aber viele bedeutende Bildhauer hier lehrten und lehren, ist im öffentlichen Bewusstsein weniger verankert. Dabei haben nicht nur die genannten Maler alle auch bildhauerisch gearbeitet. Der wohl berühmteste Düsseldorfer Professor, Joseph Beuys, hat seine Kunsttheorie aus seinem Konzept von Skulptur abgeleitet.

Es ergibt Sinn, Bilanz zu ziehen, zumal der gegenwärtige Rektor Tony Cragg ein international gefragter Bildhauer ist. So bietet die Schau einen Querschnitt durch die plastische Kunst der Nachkriegszeit, wie sie sich in Düsseldorf manifestierte. Rund 130 Werke von 53 Künstlern, die hier lehrten oder studierten, sind ausgestellt. Schnell merkt man, warum es keine rheinische Bildhauerschule im öffentlichen Bewusstsein gibt, obwohl hier viele herausragende Künstler arbeiteten. Es gibt keine dominierende Position. Was für den Betrachter beim Rundgang einen Gewinn bedeutet.

Gleich in den ersten Räumen erlebt man die Spannweite dessen, was Skulptur bedeutet. Ewald Mataré (1887–1965) übernahm direkt nach dem Krieg die Professur für Plastik. Seine abstrahierten Tier- und Menschenskulpturen, überwiegend aus Holz, orientieren sich noch ganz an der Natur. Erwin Heerich (1922–2004) schuf aus Karton minimalistische Objekte, die geometrische Grundformen zum Thema haben. Beuys erweiterte – zunächst im Kontext der Fluxus-Bewegung – den Begriff der Skulptur. Sein „Konzertflügeljom (Bereichsjom)“ (1969) geht auf eine Performance zurück, die von Studenten gewaltsam unterbrochen wurde. Man sieht den beinlos am Boden liegenden Torso eines Pianos, daneben den Notenständer, mit Sauerkrautfäden behängt.

Die Schau bietet konzentrierte Räume, in denen jeweils Arbeiten von zwei oder drei Künstlern inszeniert sind. Vertreten sind Arbeiten, die inzwischen zu Hits des Genres zählen, zum Beispiel dem „TV-Rodin“ des koreanischen Pioniers der Videokunst, Nam June Paik. Und vom griechischen Bildhauer Jannis Kounellis wird eine zweiteilige Wandarbeit ohne Titel (1990) gezeigt, Stahlplatten mit Seilen, dünnen Stangen und Paraffinlampen, eine subtile Studie über das Gleichgewicht und über die erhellende Gewalt des Feuers. Von Katharina Fritsch ist nicht nur die berühmte Arbeit „Mann und Maus“ (1991/92) zu sehen, sondern auch neuere Werke wie „Riese/Postkarte“ (2008). Und von Richard Deacon wird „What Could Make Me Feel That Way (A)“ (1993) gezeigt, eine fast sechs Meter breite Form aus einander umschlingenden Röhren und Hohlkörpern, die aus verschraubten Holzelementen gebildet wird. Die monumentale Form wird leicht und licht dadurch, dass die Holzstäbe und -streben wie eine dreidimensionale Zeichnung wirken. Und wunderbar einfach und ironisch wirkt Bogomir Eckers mehr als drei Meter hohe „Marionette“ (1995) aus rot lackiertem Eisenblech, die im großen Ausstellungssaal hängt.

Skulpturen können so vieles sein. Thomas Schütte erneuert in seinen raumfüllenden Arrangements alte Formen. Seine vier Brüder, Fratelli (2012), sind Bronzebüsten auf Sockeln, die einander zugewandt stehen wie eine Versammlung. In ihnen zeigt er verschiedene Temperamente oder Gefühlslagen, wie es schon Barockbildhauer taten. Thomas Grünfeld schafft Collagen aus Tierteilen, seine „Missfits“ sehen aus wie täuschend echte Präparate von Mutationen, zum Beispiel das in Düsseldorf gezeigte Wesen auf Straußenbeinen, mit einem Biberleib und einem Kranichkopf. Auch der Raum kann Skulptur sein, wie Andreas Schmitten mit seinem Wohntrakt zeigt. Vitrinen und eine Art Stele werden dabei überstrahlt von der intensiven Farbigkeit von Boden und Wänden.

Die Schau bietet eine fesselnde Übersicht über die Möglichkeiten von Skulptur heute. Und der Besucher findet auch eigenwillige Positionen, die so ganz aus der Zeit gefallen scheinen. Luise Kimmel, die heute auf der Karibikinsel Tobago lebt, zeigt elegante figurative Holzskulpturen wie die „Diablesse“, die schöne Teufelin (1983) mit einem Kuhfuß.

Die Bildhauer

in der Kunstsammlung NRW K20, Düsseldorf.

Bis 28.7., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, http://www.kunstsammlung.de,

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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