Ausstellung „Die andere Seite des Mondes“ mit Künstlerinnen der Avantgarde

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Mehrdeutige Inszenierung: Claude Cahuns Selbstportrait ist in Düsseldorf zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Verdoppelt erscheint der Kopf im Foto von Claude Cahun, die Aufnahme entstand vor einem Spiegel. Doppeldeutig erscheint alles an diesem Selbstporträt. Der Betrachter rätselt schon, ob er einen Mann oder eine Frau sieht, sind doch die Haare kurz geschoren, die Lippen weiblich voll. Ein Kopf sucht den Blickkontakt, der andere wendet sich zur Seite. 1928 entstand das suggestive Selbstporträt der französischen Künstlerin, zu sehen ist es in der Ausstellung „Die andere Seite des Mondes“ in der Kunstsammlung NRW K20 in Düsseldorf.

Museumsdirektorin Marion Ackermann und Kuratorin Susanne Meyer-Büser wollen eine Lücke schließen. Es gibt in der großartigen Sammlung zwar viele Hauptwerke von Dada und Surrealismus. Aber Arbeiten von Künstlerinnen sind nicht darunter. Die Moderne erscheint in dieser Auswahl männlich. Dabei war gerade die Zeit zwischen den Weltkriegen eine des weiblichen Aufbruchs. Viele Frauen entdeckten die Kunst als Medium. Davon erzählt mit rund 230 Arbeiten die Ausstellung, die in Kooperation mit dem dänischen Louisiana Museum entstand.

Acht Künstlerinnen sind vertreten, berühmte darunter wie Sonia Delaunay und fast vergessene wie die polnische Bildhauerin Katarzyna Kobro, deren Skulpturen fast alle zerstört wurden. Die Schau zeigt, dass es nicht um eine Kunstquote geht, um das quantitative Ausgleichen des Geschlechterverhältnisses. So ist in Düsseldorf der erste surrealistische Film zu sehen: nicht Bunuels berühmter „Andalusischer Hund“ von 1929, sondern Germaine Dulacs 40-minütige Arbeit „Die Muschel und der Geistliche“ – 1927 gedreht.

Auch die Fotos von Claude Cahun weisen voraus. Die Antifaschistin und Jüdin, die während der deutschen Besatzung mit ihrer Lebensgefährtin in der Resistance kämpfte, gehörte zum Kreis um André Breton, schloss sich der surrealistischen Bewegung aber nicht an. Ihre Selbstporträts zeigen sie in verschiedensten Rollen, mal als Gewichtheber, mal als eine Art Hofnarr, mal als Blaubarts Braut, dann als Buddha, oft als geschlechtsloses Wesen mit kahl geschorenem Kopf. Man könnte sie als konzeptuelle Inszenierungen auffassen, als Vorgriffe auf die Film Stills einer Cindy Sherman.

Acht Künstlerinnen bilden natürlich eine kleine Auswahl, aber so ist es möglich, Werkgruppen vorzustellen. Zumal die Frauen zwar keine eigene Gruppe formten, aber über verschiedene Verbünde miteinander vernetzt waren. So kannten sich zum Beispiel Sophie Taeuber-Arp und Hannah Höch, die auf Rügen gemeinsam den Urlaub verbrachten. Taeuber-Arp war mit Sonia Delaunay befreundet, beide besuchten mit ihren Männern, Robert Delaunay und Hans Arp, auch Florence Henri in Paris zum Kaffeekränzchen. Das gesellschaftliche Klima war günstig für kreative Frauen, sie waren gleichberechtigt in die Künstlerzirkel integriert.

Typisch weiblich sind vielleicht manche der ausgestellten Arbeiten. Sonia Delaunay bestritt als Designerin jahrelang den Lebensunterhalt der Familie, ihre Stoffentwürfe greifen unmittelbar die Motive ihrer abstrakten, die Farbwirkungen erkundenden Malerei auf. Auch von Sophie Taeuber-Arp sind Wandteppiche und Handtaschen ausgestellt, dazu Puppen. Aber sie gestaltete ebenfalls das größte Exponat, die „Bar Aubette“ (1926–28), deren Rekonstruktion in Düsseldorf aufgebaut ist. Und die Formsprache gerade auch der Werke angewandter Kunst ist kompromisslos modern.

Andere Arbeiten wiederum tragen kaum geschlechtsspezifische Spuren. Die strengen, geometrisch definierten Metallskulpturen von Katarzyna Kobro erinnern an die Arbeiten der russischen Konstruktivisten. Florence Henri schuf mit ihren Fotos, in denen sie oft Spiegeleffekte nutzte, so etwas wie virtuelle Räume. Eine Werbeaufnahme für Columbia-Schallplatten (1931) zum Beispiel irritiert die Wahrnehmung, weil sie die Fläche sozusagen aufblättert in Raumsegmente. Dora Maar kennt man heute vor allem als Lebensabschnittsgefährtin und Modell Picassos. Aber sie war auch eine überaus originelle Fotografin. Ihre Aufnahme von „Ubu“ ist eins der bekanntesten surrealistischen Fotos. Aber auch die grotesken Augen, die wie aufgeschlagene und ausgelaufene Eier auf einem Tuch liegen, oder Montagen, in denen sie Figuren in die Aufnahme eines Kirchengewölbes setzt, strahlen große Kraft aus.

Und die Collagen Hannah Höchs spielen nicht nur souverän mit gefundenem Material, sie sind auch voller Humor wie die schrägen Blätter „Aus einem ethnographischen Museum“ (1924, 1926). Ihr Gemälde „Die Braut (Pandora)“ (1924/27) spielt mit Symbolen. Da umflattern das ungleiche Paar aus einem steifen Herrn und der ihn mit ihrem wuchtigen Puppenkopf überragenden Braut geflügelte Objekte, ein Herz, ein Apfel mit Schlange, ein ungeborenes Baby, ein tränendes Auge. Das erinnert an die Bilder Frida Kahlos, kommt aber ganz ohne deren folkloristische Rührseligkeit aus.

Bis 15.1., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 881 204, http://www.kunstsammlung.de

Katalog, DuMont Verlag, Köln, 34 Euro

Quelle: wa.de

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