Ausstellung „Das große Welttheater“ auf Schloss Cappenberg

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Unbeschwerte Freiluftkunst: Otto Muellers Farblithografie „Fünf gelbe Akte am Wasser“, zu sehen in Cappenberg. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ SELM–Ungezwungen streifen die fünf nackten Mädchen durch die Natur. So fingen die Expressionisten der „Brücke“ ein junges Lebensgefühl ein, damals vor dem ersten Weltkrieg an der Ostseeküste. In Otto Muellers Farblithografie von 1921 klingt noch die große Befreiung jener Tage herrlich nach.

Einen ganzen Raum füllen seine Werke in der Ausstellung „Das große Welttheater“ auf Schloss Cappenberg, Zeichnungen, Grafikblätter, Gemälde wie „Zwei kauernde Mädchen“ von 1924. Gleich nebenan findet der Besucher den genialen Gründer der „Brücke“, Ernst Ludwig Kirchner, dem gleichfalls ein eigener Raum gewidmet wurde. Hier findet man große Pastelle und Kohlezeichnungen, und eine ganze Reihe Blätter stammt aus seiner stärksten Zeit, den frühen Jahren um 1910. Da räkeln sich wieder die nackten Mädchen im Atelier, und Kirchner bannt ihre Sinnlichkeit mit wenigen, flinken Linien.

Der Kreis Unna zeigt in Kooperation mit der Ernst Barlach Museumsgesellschaft eine Auswahl aus einer der bedeutendsten deutschen Privatsammlungen von Kunst des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Die Sammlung Karsch/Nierendorf umfasst rund 12 000 Kunstwerke. Aus diesem Fundus stammen die rund 150 Gemälde, Grafikblätter, Skulpturen der Cappenberger Schau.

Die Brüder Josef und Karl Nierendorf hatten von 1920 an erst in Düsseldorf, später in Köln eine Galerie betrieben. Sie vertraten die besten zeitgenössischen künstler – und praktisch alle galten nach 1933 in der NS-Diktatur als „entartet“. Nachdem 1936 die Eröffnung einer Franz-Marc-Ausstellung verboten wurde, wanderte Karl nach New York aus und gründete 1937 dort einen Ableger, die Nierendorf Gallery, in der er unter anderem exklusiv Paul Klee vertrat und die Kunst zeigte, die in Deutschland verboten war. Als Karl Nierendorf 1947 plötzlich und ohne Erben starb, griff Nachkriegsrecht: Mögliche Erben in Deutschland hatten wegen des Handelsembargos keine Rechte. Und so fiel der New Yorker Bestand dem Staat zu. Das Guggenheim Museum bekam für 72 500 US-Dollar den größten Teil des Nachlasses. In Deutschland gründete die Witwe des ebenfalls verstorbenen Josef Nierendorf 1955 die Galerie in Berlin neu. Die Familiensammlung wurde weiter ausgebaut bis auf den heutigen Stand. In Vitrinen kann man die wechselvolle Galeriegeschichte anhand von Fotos, Dokumenten und Briefen studieren.

In Cappenberg ist ein exquisiter Querschnitt durch die Moderne zu sehen. Den ambitionierten Titel, der auf das Mysterienspiel des spanischen Barockdichters Pedro Calderón de la Barca anspielt, muss man nicht ganz so wichtig nehmen. Hier geht es vor allem um bedeutende Kunst. Den Höhepunkt markieren sicher die „Brücke“-Künstler, neben den Räumen für Kirchner und Mueller werden auch Grafikserien von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt. Komplett ausgestellt ist auch Max Beckmanns Mappe mit zehn Lithographien „Berliner Reise 1922“, ein wuchtiges Gesellschaftspanorama, das arm und reich gegenüberstellt, hier die „Bettler“ und Kriegskrüppel auf der Straße, da die Neureichen in der Bar beim „Nackttanz“.

Von Otto Dix sind die schonungslosen Blätter aus der Mappe „Der Krieg“ zu sehen, aber auch religiöse Motive aus dem deutlich schwächeren Spätwerk. Die Schau ist geradezu enzyklopädisch, bietet Arbeiten von August Macke, Conrad Felixmüller (u.a. mit der Farblithographie „Kohlenbergarbeiter“ von 1920), Christian Rohlfs (der ebenfalls ein eigenes Kabinett hat), Hannah Höch und anderen. Ein Flur bietet die Grafikserien zum Thema Krieg von Dix, dazu Arbeiten von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach.

Und es gibt Entdeckungen zu machen, speziell im Bereich der Neuen Sachlichkeit. Vor allem die farbstarken Gemälde von Josef Scharl (1896–1954) fesseln. Der gebürtige Münchner erhielt 1935 eine Einladung des New Yorker Museum of Modern Art, sich an einer Ausstellung mit Beckmann, Heckel und anderen zu beteiligen. Das ermutigte ihn, 1939 in die USA auszuwandern. In Cappenberg sieht man realistische Arbeiten wie die „Pariser Straßenszene“ (1930) neben surreal-aggressiven Kompositionen wie den „Masken“ (1931). Befremdlich, aus heutiger Sicht beunruhigend harmlos wirkt seine mosaikhaft abstrahierende, fröhlich bunte Leinwand „Explodierende Stadt“ (1954).

Viel ruhiger sind die Gemälde von August Wilhelm Dressler (1886–1970), der reduzierte Szenen aus dem bürgerlichen Leben schuf wie das so innig ineinander gemalte „Liebespaar“ (1924) und den seltsam puppenstubenhaft komponierten „Hutsalon“ (1937).

Das große Welttheater auf Schloss Cappenberg.

Bis 29.4.2012, di – so 10 – 17.30 Uhr, Tel. 02306/ 71 170, http://www.kulturkreis-unna.de

Quelle: wa.de

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