Ausstellung „Claes Oldenburg. The Sixties“ in Köln

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Sanitärkeramik in Bewegung: Claes Oldenburgs „Soft Toilet“ (1966) in Köln. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Irgendwie erwartet man, dass die „Soft Toilet“ gleich etwas macht. Sie hat den Deckel aufgeklappt, so dass man in ihren blauen Schlund blickt. Sie scheint sich zu ducken, als wenn sie gleich springen wollte. Auf jeden Fall wirkt sie lebendig. Wo unsereins solide Sanitärkeramik erwartet, ist weiches Vinyl. Es beruhigt keineswegs, dass sie aus der Form läuft statt ordentlich stramm zu stehen. Mit ihrer klaren Linie ging auch unsere Sicherheit verloren.

So geht es einem mit vielen Arbeiten von Claes Oldenburg im Kölner Museum Ludwig. Man sieht alltägliche Dinge, ein Stück Torte, einen Küchenmixer, eine Eistüte, zwei Hamburger. Aber obwohl wir sie leicht identifizieren, erscheinen sie auf eine Art verändert, die manchmal für Unbehagen sorgt, manchmal für Vergnügen. Die Bulettenbrötchen scheinen von unten her bissige Mäuler aufzureißen wie kleine gemeine Kläffer, dabei sind eigentlich sie zum Verzehr bestimmt. Auf dem sofagroßen Tortenstück hingegen möchte man sich betten. Die Eistüte liegt im Seitenraum „wie ein gestrandeter Wal“, sagt Oldenburg.

Ja, Claes Oldenburg, 83, Sohn eines schwedischen Diplomaten und amerikanischer Pop-Künstler, ist an den Rhein gekommen, um Fragen zu seinen Arbeiten zu beantworten. Ob er ein Lieblingskunstwerk hat? Das könne er nicht sagen, die anderen wären verletzt. Ob Besucher immer noch die Form der „Soft Sculptures“ verändern dürfen, wie er es einst vorgesehen habe? „Wenn Sie eine kaufen, können Sie damit machen, was Sie wollen...“

Aber er ist nicht nur hier, um charmant zu scherzen. Dies ist die umfangreichste Schau des Frühwerks, erarbeitet am mumok in Wien, nun in Köln, danach noch im Guggenheim Bilbao und im MoMA New York. Rund 200 Werke aus den 1960er Jahren werden gezeigt, das Museum Ludwig ist größter Leihgeber, sagt dessen scheidender Direktor Kasper König. So ausführlich wird man das so schnell nicht mehr sehen, denn die großen Arbeiten sind aus heiklen Materialien gefertigt, aus Textil, aus Pappe, aus Kunststoffen. Man lernt einen der Pioniere der Pop Art in seiner kreativsten Phase kennen. Oldenburg sagt unbescheiden, dass er seine Werke hier „überraschend frisch“ finde. Wer wollte ihm widersprechen?

Zumal man hier Pop Art erfrischend anders erlebt. Diese Kunstrichtung gilt als kühl, als zynisch, vor allem von der Auseinandersetzung mit der Welt der Waren und der Medien geprägt. Oldenburg aber vertritt, so erläutert Achim Hochdörfer, Wiener Kurator der Schau, eine geradezu expressionistische Spielart der Bewegung. Vor den Werken versteht man das schnell. So wie Kirchner oder Meidner in Gemälden die Farben verfremden, die Formen in Schwung bringen, so verleiht Oldenburg seinen „weichen“ Alltagsobjekten Eigenleben, indem er sie verbiegt, ausleiert, vergrößert.

Und Oldenburg hat sich anfangs ausdrücklich auf den abstrakten Expressionismus der 1950er Jahre berufen. Bei ihm ist Pop nicht die Rebellion gegen die Vorläufer. Der früheste Werkkomplex, die „Street“-Serie, ist aus Pappe und Zeitungspapier, meterhohe Figuren, aufgehängt, hingelegt, Collagen, bemalt, grob und roh, dass man an Dubuffet denkt. Oldenburg ließ sich von den Straßen New Yorks inspirieren, dann von den kleinen Läden, Modeboutiquen, Bäckereien, Imbissstuben. Da wird er bunt, schafft unförmige Gips-Reliefs von Kleidungsstücken, die er grob anpinselt. Arbeiten wie „Two Girls' Dresses“ und „Red Tights with Fragment 9“ (beide 1961) muten wie abstrakte Malerei an. Die rohe Machart hat auch Gründe: Viele Arbeiten jener Zeit dienten als Requisiten in wilden Happenings.

Nach diesen Anfängen entdeckte Oldenburg neue Materialien, unter anderem Vinyl, und die Skulptur als eigenes Thema. Er wendet sich dem bürgerlichen Haushalt zu, deutet dessen Ausstattung um. Seine Ausstellungen in jener Zeit muten an wie verzauberte Küchen, Bäder, Wohnzimmer. Er poetisiert den Alltag, gesteht trivialen Objekten formale Qualitäten zu.

Man spürt dies auch im „Mouse Museum“, das er 1972 für die documenta in Kassel schuf und das nun in Köln zu sehen ist. Im Pavillon mit dem Grundriss eines geometrisierten Micky-Maus-Kopfes findet man in Vitrinen Nippes, den Oldenburg sammelt, 385 Scherzobjekte, Werbegeschenke, Spielzeuge. In aller Zufälligkeit verrät es viel darüber, was den Durchschnittsamerikaner antreibt. Da gibt es nicht nur Objekte für den sexuelle Gebrauch wie Vibratoren, auch die Bilder leicht bekleideter Frauen, die Kulis in Frauenbeinform, sind erotisch aufgeladen wie viele von Oldenburgs Skulpturen. Viele Spielzeugwaffen sind zu sehen, der „Ray-Gun-Wing“ des Museums dokumentiert zusätzlich die Faszination für Strahlenpistolen.

Alles erwächst in dieser Schau aus dem Spiel. Vielleicht erklärt das, warum uns all dies bunte, nutzlose Zeug in seiner Absurdität so heiter stimmt.

Claes Oldenburg – The Sixties im Museum Ludwig, Köln. Bis 30.9., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 261 65, http://www.museum-ludwig.de,

Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 45 Euro

Quelle: wa.de

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