Ausstellung „Catwalk“ in Haus Kemnade zeigt japanische Farbholzschnitte

Die Kurtisanen in Kiyochika Kobayashis Farbholzschnitt aus der Serie „Muster der Blumen“ sind in der Ausstellung in Kemnade zu sehen. Foto: Katalog

Hattingen – Die beiden Schönen haben ihr Haar mit vielen dicken Nadeln kunstvoll aufgesteckt. Die Frisur, aber auch die Kleidung verriet dem Betrachter am Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Damen in Yoshiwara, dem Vergnügungsviertel der Hauptstadt Tokyo, als Kurtisanen arbeiteten. Auf dem hellen Schulterstück am Kleid der rechten Frau erkennt man stilisierte Spatzen. „Yoshiwara-Spatzen“ wurden die Mädchen auch genannt.

Kiyochika Kobayashi schuf das Motiv 1896 für die Bildserie „Muster der Blumen“. Der aufwendige Farbholzschnitt ist als Triptychon aus drei Blättern zusammengesetzt. Wunderbar kontrastieren die klar gezeichneten Frauen mit den duftig-leicht angedeuteten Kirschblüten im Hintergrund. Zu sehen ist das Werk in der Schau „Catwalk“ im Kulturhistorischen Museum Kemnade. Wieder biete Gerhard Friedrich Philipp, Künstler und Ausstellungsmacher, eine Auswahl aus seiner Sammlung japanischer Farbholzschnitte. Eine ähnliche Schau vor einem Jahr auf Haus Kemnade war ein großer Erfolg mit rund 18 000 Besuchern.

Der Titel verblüfft in diesem Zusammenhang, denn mit Mode und dem Laufsteg haben die wenigsten der rund 80 ausgestellten Blätter zu tun. Aber in der Regierungszeit des Reformkanzlers Tadakuni Mizuno wurden Katzen zum beliebten Bildmotiv. Nach dem Sieg der Engländer im Opiumkrieg gegen China 1842 wuchs der Druck der europäischen Mächte auch auf Japan. In der Tenpo-Reform reagierte die Regierung auf Wirtschaftskrisen und Hungersnöte mit Antiluxusgesetzen, aber auch mit scharfen Zensurregeln. Die japanischen Holzschneider versuchten, die Einschränkungen dadurch zu umgehen, dass sie Menschen in Tierform darstellten, und die Katze gehörte zu den populärsten Gestalten in Japan.

Taiso Yoshitoshi zeigt in seinem Blatt „Gelangweilt“ (1888) eine Frau, die mit ihrer Katze schmust. Dabei rollt sie sich ein, als wäre sie selbst eine Katze. Hinter der Geisha in Yoshitoshis Blatt „2 Uhr am Nachmittag“ (1880), die sich das Unterkleid strafft, um ihre Schwangerschaft zu verbergen, liegt eine Katze. Und auf dem Triptychon „Vergnügen im ersten Schnee“ (1848) von Utagawa Kuniyoshi bauen die Hofdamen nicht etwa einen Schneemann, sondern ein riesige Schneekatze.

Aber längst nicht alle ausgestellten Farbholzschnitte sind auf Tiere fixiert. Die Schau bietet einen Querschnitt durch das Medium, das in Japan ausgesprochen populär war. In Serien wurden die schönsten Kurtisanen porträtiert, die berühmten Schauspieler wurden in wichtigen Rollen dargestellt, es gab touristische Serien zum Beispiel mit wichtigen Stationen auf bekannten Reiserouten. Von all diesen Motiven sind in Bochum Beispiele zu sehen.

Japanische Farbholzschnitte sind nicht oft in Ausstellungen zu sehen. Dabei zählen die farbstarken, expressiven Blätter zu den wichtigsten Inspirationen auch in der europäischen Kunst – Vincent van Gogh kopierte einige Farbholzschnitte als Ölgemälde. Für die Ausstellung in Kemnade sollte man Zeit mitbringen: Fast jedes Blatt hat einen kleinen Begleittext, der bei der Entschlüsselung der Blätter hilft. Ein Blatt wie Toyohara Kunichikas „Die 3. Stunde am Vormittag“ aus der Serie „Die 24 Stunden im Vergleich“ (1890) ist ohne Kommentar unverständlich: Eine Frau hält dabei ein schreiendes Kind zum Urinieren. Tatsächlich nahm der Künstler das Kind als Stellvertreter für die Frau, die dem Sake stark zuspricht und davon Druck auf der Blase verspürt. Ein kleiner Dämon mit Sakeflasche in einer Kartusche vermittelte diese Information den Betrachtern im alten Japan. Kuniyoshi wiederum zeigt in „Shiragikumaru“ (1845-47) einen Mann im wogenden Meer, der mit den Zähnen einen Totenschädel hält. Das Blatt zeigt eine Szene aus einem tragischen Liebesdrama zwischen einem Tempelpriester und seinem Schüler, eine rare Darstellung von Homosexualität.

Aber der Farbholzschnitt diente auch der Propaganda. Am Ende des Jahrhunderts wurde Japan zur Großmacht, auf Augenhöhe mit den europäischen Staaten, vor allem durch den siegreichen Eroberungskrieg gegen China. Das anonyme Blatt „Japanische Katzen vertreiben die chinesischen Mäuse aus Nanking“ (1895) fasst das Triumphgefühl in unangenehm rassistische Untertöne.

DIE SCHAU

Bis 16.6., di – so 11 – 17, ab Mai 12 – 18 Uhr,

Tel. 02324 / 302 68,

www.fv-hauskemnade.de, Katalog 29 Euro

Quelle: wa.de

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