Ausstellung „Buddhas Spur“ im Kunstmuseum Bochum

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Ein Buddha mit Dollarkrone und zum Nehmen ausgestreckte Hände: Eine Votivfigur von Kamin Lertchaiprasert, zu sehen im Kunstmuseum Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Am Anfang sieht man einen weißen Klotz Tofu. Dann erscheint eine Hand, die ihn mit schwarzer Tinte beschreibt. Die chinesischen Zeichen ergeben das Herz-Sûtra, das bekannteste Sûtra im Buddhismus. Der Klotz verwandelt sich optisch, sieht nun aus wie ein heiliger Schrein. Ein Zeitraffer beschleunigt den Alterungsprozess, so dass wir in Minuten sehen, wie das Tofu vergilbt, den Farbton kostbaren Elfenbeins annimmt, wie Fliegen darüber herfallen, wie das Material zusammensackt, sich Schimmel darauf ausbreitet. Auch die frommen Zeilen entgehen nicht der Vergänglichkeit allen Seins, teilt uns die Videoarbeit der taiwanesischen Künstlerin Charwei Tsai mit.

Damit fasst sie eine der zentralen Aussagen des Buddhismus in Bilder. Ihr Video ist in der Ausstellung „Buddhas Spur“ im Kunstmuseum Bochum zu sehen. Wie im Vorjahr arbeitet das Haus mit der Ruhrtriennale zusammen. Willy Decker, selbst Buddhist, widmet sein letztes Programm als Intendant der Auseinandersetzung mit der Weltreligion. In Museumsdirektor Hans Günther Golinski fand er einen Partner mit verwandten Interessen: Schon vor elf Jahren hatte das Kunstmuseum eine Ausstellung zum Zen-Buddhismus und seiner Wirkung auf westliche Gegenwartskünstler gezeigt. Die aktuelle Schau präsentiert elf asiatische Künstler, am bekanntesten unter ihnen der koreanische Pionier der Videokunst, Nam June Paik (1932–2006). Diese Werke werden mit traditionellen Werken konfrontiert: Buddhaskulpturen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Kalligraphien, Goldmünzen, Rollbilder. Von Paik ist nicht nur eine frühe TV-Skulptur zu sehen, sondern auch Zeichnungen, kalligraphische Blätter, die als Motiv das Nichts umspielen.

Die Ausstellung untersucht, wie sich Spiritualität in Kunst niederschlägt. Decker nennt als wichtige Kennzeichen des Buddhismus neben der Vergänglichkeit die zentrale Rolle von Leere, die hier positiv bewertet wird, und die Überwindung des Ich. Es ist eine Religion ohne Gott und ohne Verehrungsobjekt. Das schlage sich in radikalen Sätzen wieder, erklärt Decker, wie: Wenn du Buddha triffst, töte ihn. Nicht die Person des Religionsstifters sei wichtig, sondern sein Wirken, seine Lehre. So ist auch der in Stein gemeißelte Fußabdruck Buddhas (200–400 n. Chr.) aufzufassen, der erstmals öffentlich ausgestellt wird, „Buddhas Spur“ eben, der der Gläubige folgen soll.

Aber nicht nur Raritäten der alten Kunst sind zu sehen, darunter exquisite Beispiele von Kalligraphie. Wie sehr die modernen Arbeiten mit der alten Kunst verbunden sind, offenbart zum Beispiel Daikô Sôgens „Zen-Tôfu“ von 1857. Tausend Jahre alte steinerne Buddha-Köpfe finden ihr Echo in den Arbeiten des taiwanesischen Künstlers Long-Bin Chen, der für seine Buddha-Köpfe Telefonbücher recycelt und sie mit der Flut moderner Druckwaren konfrontiert: Heftchenromane und Zeitschriften scheinen in einer Installation über einem Buddhakopf und einem Totenschädel zu flattern wie papierne Vögel.

Die Schau bietet eine Fülle an Ausdrucksformen. Der Chinese Chen Sen malt Bilder mit kaum merklichen Farbschattierungen, so dass die Leinwand fast wie angestrichen, monochrom, wirkt. Auch das „Big Ash Painting“, das der Chinese Zhang Huan 2006 aus der Weihrauchasche heiliger Stätten schuf, wirkt leer, wiewohl man in dem monumentalen Werk eingearbeitete Glühlampen und sogar einen Nachtfalter entdecken kann.

Dagegen stehen die politischen Arbeiten des Tibeters Gonkar Gyatso, der in „My Identity“ sich mal als frommen Buddhisten vor dem Porträt eines Buddha, dann wieder in der Uniform eines Rotarmisten vor einem Mao-Gemälde zeigt. Seine wandfüllende Arbeit „Reclyning Buddha – Shanghai to Lhasa Express“ ist eine sarkastische Collage aus Werbeaufklebern, die eine marschierende Menge bilden. Aus der Distanz betrachtet, formen die Produkte der kapitalistischen Warenwelt einen liegenden Buddha. Politisch mag man manche der 365 Votivfiguren deuten, die der thailändische Künstler Kamin Lertchaiprasert aus Geldschein-Pappmaché formte. Sie drücken Spiritualität in ironischer Brechung aus.

Wunderbar sinnlich wird buddhistische Kunst im Meditationsraum der koreanischen Künstlerin Kimsooja: „To Breathe: Mandala“, wo man, umweht von Weihrauchduft, in einer gelben Kammer Gesänge hört, die in regelmäßigen Abständen von rhythmischem Atmen überlagert und abgelöst werden.

Buddhas Spur im Kunstmuseum Bochum, Eröffnung Sonntag, 15 Uhr, bis 13.11., di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr,

Tel. 0234/ 910 4230, www. bochum.de/ kunstmuseum, Katalog  in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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