Ausstellung „Blick auf Zentraleuropa“ in Brügge

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Der Künstler, sicher aufgehängt: Kurator Luc Tuymans zeigt Pawel Althamers Arbeit für Brugge Centraal. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜGGE–Fast wie der gefesselte Gulliver ist der gewaltige Nackte unter die Dachbalken des Sint-Jans-Hospitals gezwängt. Allerdings liegt er nicht auf dem Boden, sondern hängt unter der Decke. Detailgetreu bis in die Schambehaarung hat sich der polnische Künstler Pawel Althamer porträtiert für diese Arbeit, die zum Auftakt eine Woche lang über Brügge schwebte. Doch auch die museale Präsentation im mittelalterlichen Bau verfehlt nicht ihre Wirkung auf den Betrachter. Die Arbeit gehört zur Ausstellung „Blick auf Zentraleuropa“, einem Kernstück des Festivals „Brugge Centraal“.

Wie der Titel einer Kulturhauptstadt fortwirken kann, das zeigt Brügge. 2002 trug die belgische Stadt den Titel, und der Erfolg überzeugte so, dass man versucht, weiter mit anspruchsvoller Kultur zu punkten. „Brugge Centraal“, erstmals 2005 ausgerichtet, soll im Fünf-Jahres-Rhythmus Touristen locken. Im Zentrum stehen große Ausstellungen. Die aktuelle Ausgabe prunkt mit einem Doppel: Einer Schau mit sakraler Kunst zwischen Mittelalter und Renaissance, „Van Eyck bis Dürer“ (auf die wir noch zurückkommen). Und eine Präsentation moderner Kunst, kuratiert vom bekanntesten belgischen Maler, Luc Tuymans, mit Tommy Simoens: „Blick auf Zentraleuropa – Wirklichkeit der niedrigsten Ordnung“.

Dabei führen Tuymans und sein Team einen Dialog zwischen zwei Kulturstädten an entgegengesetzten Seiten Europas: Brügge und Warschau. Mehr als 40 Künstler werden vorgestellt mit Arbeiten an fünf Standorten. Der Titel bezieht sich auf den polnischen Künstler und Theatermacher Tadeusz Kantor, der mit der Formulierung begründete, warum er vor allem alltägliche Gegenstände verwendet. Von Kantor ist eine bedrückende Installation zu sehen, die „verstorbene Klasse“. Diese 1977 entstandene Arbeit war ursprünglich ein Theaterprojekt, für das Kantor aber einen Schulraum schuf, in dessen Bänken lebensgroße Puppen sitzen. Dieser dämmrige Raum ist in den Stadshallen zu sehen, direkt am Markt unter dem Belfried.

Ein durchgängiges Thema ist schwer auszumachen. Zwar legt Kurator Tuymans Wert auf seinen Osteuropa-Schwerpunkt. Dass Bilder des US-Pop-Künstlers Andy Warhol dabei sind, rechtfertigt Tuymans damit, dass Warhols Vorfahren aus der Slowakei stammen. Was aber ist mit Alex Katz, ebenfalls USA, der mit monumentalen Zeichnungen vertreten ist? Vom US-Fotoreporter Weegee sind Aufnahmen von Unfällen aus den 1940er Jahren zu sehen und ein aufblasbarer Weihnachtsmann von der Thanksgiving-Parade, der unschwer als Vorbild für Althamers Selbstporträt zu erkennen ist. Weegee wurde in Österreich geboren. Der deutsche, in Kattowitz geborene Künstler Hans Bellmer, der mit seinen sexuell aufgeladenen Fotos von deformierten und gefesselten Puppen die Surrealisten faszinierte, wird im Katalog nach Polen eingebürgert. Macht nichts, schließlich werden auch andere gezeigt, die teuer gehandelten Maler Sigmar Polke (mit einer „Laterna Magica“ aus durchscheinenden Gemälden), Gerhard Richter und Neo Rauch, die Plastikerinnen Katharina Fritsch und Isa Genzken aus Deutschland, die österreichische Malerin Maria Lassnig mit unterhaltsamen Animationsfilmen. Vom Belgier Guillaume Bijl ist ein „Museum der Wahlkabinen“ zu sehen und eine Stechuhr, Arbeiten, die markant soziale Zustände fixieren. Der Kurator Tuymans ließ sich überreden, eigene Bilder in die Schau aufzunehmen. Sogar der japanische, im Manga-Stil malende und von vielen Kritikern als trivial kritisierte Künstler Takashi Murakami ist dabei.

Tuymans spricht beim Rundgang über die zentrale Rolle neuer Medien: Animationsfilme, Medien-Installationen, konzeptuelle Arbeiten. Aber Klassisches wie Malerei ist auch sehr präsent. Am Ende muss der Besucher sich auf einen abwechslungsreichen Rundgang zu schönen Orten mit prägnant inszenierten Werken einlassen. Dann entwickelt die Schau auch einen ästhetischen Sog.

Tuymans setzt ja nicht nur auf die großen Namen, sondern spürt auch einem Mann wie Bruno Schulz (1892– 1942) nach, Schriftsteller und Zeichner, der von den Nazis ins KZ verschleppt wurde. Sein Talent half ihm zunächst überleben, als Sklave, der für einen Gestapo-Offizier das Kinderzimmer ausschmückte. Als er nicht mehr gebraucht wurde, erschoss ihn sein Besitzer. Seine surrealen Zeichnungen werden im Arentshuis eindringlich präsentiert.

Dann wieder gibt es die bestürzende Videoarbeit von Zbigniew Libera: Das Fernsehgerät steht auf einem Nachttisch, dessen offenes Fach voller Medikamente ist. Man sieht einen Nachttopf, der sich dreht. Die erste Heiterkeit verfliegt, wenn man erfährt, dass der Künstler seine demente Großmutter filmte, der man den Rosenkranz aus Vorsicht abgenommen hatte und die nun das letzte nahm, was ihr zur Hand war, eben das Geschirr.

Ähnlich intim sind die Arbeiten der polnischen Künstlerin Alina Szapocznikow, einer Überlebenden der Shoah, die 1973 an Brustkrebs starb. Zu sehen von ihr sind unter anderem Reliefs aus Polyester, flache Abgüsse, die sie vom Körper ihres Sohnes nahm, und die wie abgezogene Haut wirken. Diese Arbeiten sind im Grootseminarie zu sehen, einer alten Klosteranlage, die noch immer als Priesterseminar dient, nun aber zum besonders spannungsreichen Kunstort wird. Im Kreuzgang installiert ist „Annunciation“ von Pavel Büchler, alte Stadionlautsprecher, die wie Glocken aufgehängt wurden und aus denen es summt – wie aus einem Bienenkorb. Büchler liefert damit einen subtilen Kommentar zur Gigantomanie kommunistischer Großveranstaltungen.

Blick auf Zentraleuropa in Brügge, bis 23.1., di – so 9.30 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 50 / 44 46 60, http://www.bruggezentral.be , Katalog (engl.) 49 Euro,

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221/ 270 97 70

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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