Ausstellung „Aufbruch“ in der Situation Kunst Bochum

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Der Tanz der Pinsel: Armans Bild o.T (1987) ist in Bochum zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–An Emil Schumachers „Midun“ lässt sich zeigen, was mit „Aufbruch“ gemeint ist. Der Künstler hat den Bildträger seines Bildes von 1975, eine Spanplatte, mit dem Hammer traktiert, so dass im Mittelbereich eine tiefe, schwarze Öffnung klafft. Dies ist kein klassisches Gemälde mehr. Die Öffnungen ebenso wie die fast reliefhaft dick aufgetragene Farbmasse lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Objekt. Das Bild zeigt nichts mehr. Außer sich selbst.

Schon sind wir mitten im Thema der Ausstellung „Aufbruch. Malerei und realer Raum“ in der „Situation Kunst“ in Bochum. Anhand von rund 60 Werken untersucht Kurator Erich Franz, wie sich in der Nachkriegszeit die Malerei fortentwickelte hin zu neuen Formen, die den bis dahin formulierten Kanon sprengten. Die eigentliche Zäsur setzt Franz beim italienischen Künstler Lucio Fontana an, der 1949 erstmals die Leinwand eines Gemäldes mit dem Locheisen durchstieß. Zwei seiner „Raumkonzepte“ („Concetto spaziale“) sind zu sehen. Wenig später schuf in Paris der US-Maler Ellsworth Kelly Bilder, die keinen rechteckigen Rahmen mehr hatten, keine rechten Winkel mehr hatten, sondern durch ihren freien Umriss Objektcharakter gewannen.

Die Ausstellung zeigt, systematisch gegliedert, anhand von historischen und aktuellen Positionen, welche Strategien Künstler verfolgen, um neue Bildformen zu schaffen. Dabei begegnet der Besucher einer ganzen Reihe moderner Klassiker, zuweilen mit Überraschungen. Wer hätte vom „Nagelkünstler“ Günther Uecker die „Raumlinien“ (1970) erwartet? Der Künstler hat eine quadratische Fläche von 160 cm Kantenlänge mit vertikalen Graphitlinien schraffiert. Das feine Muster, das sich streckenweise verdichtet und so einen Rhythmus bildet, beschränkt sich aber nicht auf die Malfläche. Die Linien scheinen nach unten herauszufallen. Drähte stoßen aus dem unteren Teil der Leinwand und verbinden sich visuell mit den gezeichneten Linien. Es ist, als ob sich Ueckers Striche materialisiert hätten.

Daneben gibt es Klassiker wie das Bild „IKB 104“ (1956) von Yves Klein, eine völlig gleichförmig von sattem Ultramarin-Blau bedeckte Fläche, die durch ihre Intensität den Blick zu verschlucken scheint. Der spanische Künstler Antoni Tàpies hat bei „White Painting on a Stretcher“ (1967) das Bild vor dem Malen gewendet, so dass der Keilrahmen wie ein Fenster vor die Leinwand tritt. Gleich mehrere Arbeiten des US-Künstlers Frank Stella sind zu sehen, darunter das „Basra Gate“ (1967), eine drei Meter weite, bogenförmige Arbeit, die von einem Tor in Bagdad inspiriert wurde.

Franz erarbeitete die Schau an der Ruhr-Universität mit Studenten, die Katalogtexte schrieben. Das Ergebnis überzeugte Partner wie das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, die Akademie der Künste in Berlin, das Museum im Kulturspeicher Würzburg und die Kunsthalle Rostock, die die Ausstellung übernehmen.

Was zunächst nach eher theoretischer Kost klingt, das entwickelt, steht man erst davor, sinnliche Qualitäten. Günter Fruhtrunks vier Meter breites Gemälde „Hervorkommender Grund“ (1980) lässt mit seinen grellen Gelb- und Rottönen fast die Augen schmerzen. Das Bild scheint ganz konventionell gemalt, aber der Künstler legte seine gebrochenen Farbstreifen so auf die Malfläche, dass man das Werk wie einen Ausschnitt wahrnimmt. Man denkt das Motiv unwillkürlich über die Bildgrenzen hinaus. Die physische Kraft von Farbe spielt auch Kuno Gonschior mit „Rundkonvex Rot-Grün-Violett“ (1967) aus, das mit seinem Leuchtfarb-Punktmuster in Komplementärtönen die Wahrnehmung schmerzhaft irritiert.

Aber auch Bilder mit einer autobiografisch-politischen Aussage findet man wie „Rebirth“ (1965) von Marcos Grigorian. Der armenische Künstler (1925-2007) hat Schlamm auf eine quadratische Leinwand aufgetragen, der beim Trocknen aufbrach zu einem Liniennetz. Das Bild setzt die Symbolik des Malmaterials Erde ein, um die Geschichte der Armenier anklingen zu lassen, den Völkermord und die Vertreibung.

Spielerisch wirkt dagegen eine Arbeit von Arman. Der französische Künstler überzieht eine Leinwand mit blauen und schwarzen Strichen und lässt die Pinsel auf der Leinwand. Das Resultat ist eine Art Massenauflauf, eine humorvolle Choreografie, deren Charme man sich schwer entziehen kann.

Aufbruch in der Situation Kunst, Bochum. Bis 15.1.2012, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901,

http://www.situation-kunst.de,

Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

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