Ausstellung „Atelier + Küche = Labore der Sinne“ im Marta Herford

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Bild im Bild: Lois Renners „Küchenstillleben“ (2008) ist im Marta Herford zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HERFORD–Das gehäutete Kaninchen liegt gleich zweimal auf einem Hackbrett. Und auch Möhren, Staudensellerie und Weinglas haben in Lois Renners „Küchenstillleben“ ein visuelles Doppelleben. Aber sie sind nicht identisch, wie der genaue Blick offenbart. Der österreichische Künstler hat das kulinarische Arrangement gemalt und dieses Werk in seiner Küche so fotografiert, dass die Grenzen zwischen Realität und Abbild verwischen. Das Spiel mit Vorbild und Abbild macht Appetit.

Es bringt zugleich die Ausstellung „Atelier + Küche = Labore der Sinne“ im Museum Marta in Herford auf den Punkt. Küchenstillleben schufen bereits niederländische Meister im 16. Jahrhundert. In Herford sind Holzschnitte aus Jost Ammanns Ständebuch von 1568 zu sehen, die den Koch neben dem Maler und dem Bildhauer zeigen. Alles Handwerker. Die Verbindung zieht sich durch die Kunstgeschichte, zumal die frühe Malerei mit Nahrungsmitteln arbeitete: Farbträger war Öl oder Ei. 1930 veröffentlichte Marinetti sein Manifest der futuristischen Küche. 2007 lud Roger M. Buergel den spanischen Starkoch Ferran Adrià zur documenta nach Kassel ein. Kunst mit und aus Essen war schon Ausstellungsthema, zum Beispiel 2009 in einer Ausstellung in Düsseldorf. Nun also rückt der Schauplatz in den Focus.

Rund 150 Werke vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart zeigen in fünf Kapiteln, wie sich unterschiedliche Orte der Kreativität berühren. Schon Max Liebermann hatte sich 1873 als Koch hinter einem opulenten Gemüsestillleben gemalt. Rodney Graham posiert auf seinem Foto von 2011 dagegen als müder Sous-Chef in der Zigarettenpause. Während die Künstler in die Rolle schlüpfen, bedient der Foto-Pionier August Sander durchaus Klischees. Sein Bildhauer (1942) erscheint als Visionär, schaut versunken in die Ferne. Der Konditor (1928) hingegen blickt uns direkt an, ein bulliger Mann, der für einen Moment das Rühren in der Schüssel unterbricht.

Die Küche gerät als Ort in den Blick: Imi Knoebel stellt uns sein Düsseldorfer Atelier vor die Nase, eine Küche. Was wir aber nicht sehen, denn wir stehen vor einem Quader in Originalgröße. Reto Guntli fotografierte 2004 Ateliers von Künstlerinnen. Hanne Darboven nutzt offenbar ihre Küche, man sieht ein produktives Chaos vor einer Zeile aus Waschbecken und Mikrowelle. Miriam Cahn arbeitet mit einem Regal, das mit Töpfen, Tiegeln und Quirl auch nach Nahrungszubereitung aussieht. In „Wearing Propaganda“ (1996) kritisiert Rosemarie Trockel Rollenmuster mit der Rückenansicht einer Frau mit Babypuppe vor dem Herd.

Aber hier können auch noch ganz andere Dinge geschehen: In Aernout Miks Video „Kitchen“ (1997) spielen ältere Herren, eine Schlägerei in der Küche. Es ist offensichtlich, dass sie einander nicht wehtun wollen, und so sieht es mal wie eine liebevolle Umarmung, mal wie ein tapsiger Tanz aus. Es tanzen auch die beiden Fische in Pia Maria Martins Video „Kalaikeittos“ (2003), einem Animationsfilm über die Zubereitung einer Fischsuppe ganz ohne Gegenwart des Menschen, und spätestens wenn die entfleischten Gräten mit dem Kopf zu Tschaikowskys „Schwanensee“-Musik übermütig in den Topf hüpfen, wirkt das richtig makaber.

Man kann ja so viel zeigen in einer Küche. William Kentridge unternimmt eine „Reise zum Mond“ (2003), nutzt die Espressotasse als Teleskop und lässt die italienische Kaffeemaschine abdüsen. Inclusive einiger Anspielungen auf den Filmklassiker von George Méliès ein großer Spaß.

Lily Fischer nutzt die Küche als Therapieort, wo sie „Problemklöße“ zubereiten und verzehren lässt, womit die Probleme natürlich entsorgt sind. Ausgestellt ist der Kochtisch, die Performance findet am 16. September statt. Paul McCarthy hingegen rührt in die „Cultural Soup“ (1987) perfide Blicke ins pervertierte Familienleben: Seine gefilmte Performance bietet verstörende Anspielungen auf sexuellen Missbrauch. Der belgische Künstler Wim Delvoye hat mit seiner „Cloaca“ Zubereitung und Verbrauch zusammengefasst, einer Maschine, die Nahrung zu Kot verarbeitet. Die Maschine war 2008 schon in Herford ausgestellt, nun sind Skizzen und eine Röntgenaufnahme zu sehen.

Die Schau wurde kuratiert von Friederike Fast und Oliver Seifert nach einer Idee von Hubertus Gaßner, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Sie bietet einen überaus anregenden Parcours mit altmeisterlichen Stillleben zum Beispiel von Gerrit van Vucht und Georg Flegel. Man sieht ein Foto aus Ernst Ludwig Kirchners Atelier mit dem nackten Künstler und eine seiner virtuosen Zeichnungen. Wie intensiv Joseph Beuys mit Lebensmitteln arbeitete, ist in Fotos und Filmen seiner Aktionen zu verfolgen. Daniel Spoerri macht den Esstisch der Familie Delbeck mit Tassen, Tellern, Gauloises-Schachtel zum Relief. Und Anna und Bernhard Blume lassen in einer furiosen Fotoserie die Killerkartoffeln von der Leine („Küchenkoller“, 1986). An dieser Präsentation sieht man sich lustvoll satt.

Atelier + Küche = Labor der Sinne

im Museum Marta Herford.

Bis 16.9., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 05221 / 99 44 300

http://www.marta-herford.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 32 Euro

Quelle: wa.de

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