Ausstellung „Artisten der Linie“ mit Altmeistergrafik in Köln

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Mit einem versteckten Selbstporträt: Hendrick Goltzius setzte sich selbst in die Beschneidung aus seinem „Marienleben“ (1594), zu sehen in Köln. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Versteckt hat sich Hendrick Goltzius nicht in seinem „Meisterstich“ von der Beschneidung Christi. Er sieht dem bärtigen Alten über die Schulter, der das Kind dem Arzt hinhält, scheint geradezu den Blickkontakt zu suchen mit dem Betrachter. Sein modischer Bart verrät ihn. Und vorn liegt eine Tafel auf dem Boden, auf der er seine Signatur hinterließ.

Erfunden hat der Haarlemer Grafiker (1558–1612) die Szene nicht, die in der Ausstellung „Artisten der Linie“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen ist. Er hat sie bei Albrecht Dürer abgeschaut. Der hatte das Geschehen in einem Holzschnitt dargestellt. Goltzius hat abgekupfert. Dieser sprichwörtliche Begriff fürs Nachahmen und Kopieren kommt von den Kupferstechern. Viele Meister dieser Zunft beschränkten sich darauf, Gemälde in preiswertere Grafikblätter zu übertragen und so populär zu machen. Goltzius ging weiter. Er übersetzte den Holzschnitt in den Kupferstich, aber in Dürers Manier, mit einer für den Nürnberger Meister typischen Komposition. Er setzte alles daran, den berühmten Kollegen noch zu übertrumpfen. Angeblich, so berichtet Karel van Mander, hat Goltzius sein Selbstporträt und seine Signatur in einzelnen Blättern ausgebrannt und die als unbekannte Dürer-Werke verkauft. Die Kunden, durchaus Experten, hätten die Blätter für Schnäppchen gehalten und für besonders virtuose Originale. Bis Goltzius den Spaß auflöste.

Die Kölner Schau macht mit solchen Pointen ein vermeintlich veraltetes Medium spannend. Goltzius, der Virtuose der Imitation, entpuppt sich in dieser Sicht als Vorläufer der Moderne, als einer, der mit seinen Mitteln die Montagekunst der Computerära vorwegnahm, das „Copy & Paste“. Die Ausstellung breitet mit rund 200 Blättern, thematisch sortiert, einen Querschnitt der Grafik um 1600 aus. Und dabei steht natürlich der Umgang mit künstlerischen Ideen, mit Bilderfindungen, im Zentrum. Man kann fein verfolgen, wie bestimmte Formulierungen von Szenen der Bibel und der antiken Mythologien wiederholt und abgewandelt werden.

Die Schau hat einen erfreulichen Anlass: Der Sammler Christoph Müller hat dem Museum 2011 zum 150-jährigen Bestehen 108 Blätter niederländischer Meister geschenkt. Den Kern davon bilden 15 Werke von Goltzius, darunter alle sechs Blätter des Marienzyklus, zu dem auch die Beschneidung gehört. Das Wallraf macht sie zum Ausgangspunkt einer Themenschau, in der sich der Freund von Altmeister-Grafik kaum sattsehen kann, findet er doch Arbeiten von Goltzius, Ruisdael, Rembrandt, van Leyden und vielen mehr. Welche Virtuosenstücke da an den Wänden hängen, das demonstriert das Museum mit einem Kunstgriff: Es reproduzierte Einzelmotive in Postergröße, extrem hochgezoomt, und zum Beispiel die Beschneidung verliert dabei kaum von ihrer malerisch-plastischen Wirkung.

Dabei wird die ganze Fülle der Bildwelten an der Schwelle zum Barock ausgebreitet: Dramatische Action in Goltzius‘ Darstellung „Der Drache verschlingt die Gefährten des Kadmus“ (1588), wo man sieht, wie das Monster sich am Gesicht seines Opfers festbeißt, dass der Geifer nur so trieft, die Krallen des Monsters ziehen auf dem nackten Leib eines weiteren Mannes blutige Kerben, und vorn liegt ein abgerissener Kopf. In vier fallenden „Himmelsstürmern“ demonstriert der Künstler seine Virtuosität in perspektivischer Darstellung, zeigt die Stürzenden auf Blickhöhe, so dass der Betrachter das Gefühl hat, ebenfalls über dem Boden zu sein.

Da schmust ein Hirtenpaar bei Moyses van Wtenbrouck, Francois Collignon zeigt feine Seestücke, und Albert Flamen zeigt zwölf verschiedene Arten von Meeresfischen, übergroß am Strand liegend, während dahinter viel kleiner auf dem Meer die Schiffe mit geblähten Segeln kreuzen. Dazu Porträts, liebliche Madonnen und Allegorien. Eine Schule des Sehens.

Bis 10.6., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19, http://www.wallraf.museum,

Katalog 16,90 Euro

Quelle: wa.de

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