Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ auf der Kokerei Zollverein

In Essen hergestellt für die Front: Die schwere Feldhaubitze M1913 von Krupp ist in der Ausstellung „1914 – mitten in Europa“ in der Kokerei der Zeche Zollverein zu sehen. - Fotos: Stiftel

Von Ralf Stiftel ESSEN - Man blickt auf zu dem mächtigen Geschütz. Die vier Tonnen schwere Feldhaubitze M1913 überragt den Besucher in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen. Mit solchen Waffen hoffte das Deutsche Reich, den Ersten Weltkrieg zu gewinnen. Hergestellt wurden sie von Krupp in Essen. Im Sockel dieses Kriegsaltars werden weitere Innovationen des Tötens präsentiert: Maschinengewehre, Gewehre, Granatwerfer.

Große Kaliber fährt die Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ auf, die das Ruhr Museum und das Industriemuseum des Landschaftsverbands Rheinland gemeinsam in der Mischanlage zeigen. Es ist eine Ausstellung der Superlative, eine Kraftanstrengung: 2500 Exponate auf 2500 Quadratmetern sollen die Epoche um das Scharnierjahr sichtbar machen. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, und Walter Hauser, Direktor des LVR-Industriemuseums, weiten den Blick über das eigentliche Kriegsgeschehen hinaus. Sie erzählen von der Vorgeschichte, jener ersten Phase der Globalisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert, über die Völkerschlacht bis in die 1930er Jahre. Sie wollen Kontinuität zeigen, den 30-jährigen Krieg, der in der Urkatastrophe von 1914 seinen Ausgang nahm und erst 1945 endete.

Eine solche Ausweitung der Kampfzone führt Probleme mit sich. So viel Stoff ist zu viel für eine Ausstellung. Und so schrumpfen auch in Essen die Jahre 1914 bis 1918 zu einem Kapitel in einer größeren Erzählung. Die Front bleibt ausgeblendet, blitzt in alten Filmsequenzen auf, die enorm wirksam auf die mächtigen Wände alter Kohlenbunker projiziert werden, und in Fotos von zerstörten Städten in Frankreich und Belgien. Die Ausstellung fokussiert sich auf Rheinland und Ruhrgebiet, um überhaupt klare Abgrenzungen zu haben.

Drei Etagen, drei Kapitel, dazu ein Pro- und ein Epilog. So ist die Struktur der Schau. Der Besucher betritt eine zukunftsfrohe Epoche, die der preußischen Westprovinz einen Schub der Modernisierung verpasst. Prototypisch steht dafür das knallrote Elektroauto „Runabout“, 1903 in Großbritannien produziert, mit dem Fabrikanten umherfuhren. Zwischen Köln und Dortmund produzierten große Firmen für den Weltmarkt. Und der Aufschwung führte dazu, dass es Freizeit für einen nennenswerten Teil der Bevölkerung gab, die mit Konsum gefüllt wurde. Neben Infrastruktur-Einrichtungen wie Wasser, Elektrizität, Telegrafie, Schwebebahn, Straßenbahn, Eisenbahn traten Konsumprodukte. Man gönnte sich gute Margarine wie Sanella, wusch mit Persil, besuchte den Vergnügungspalast, sang im Verein.

In diese Welt bricht der Krieg ein. So stellt es die Schau dar. Die Ursachen thematisiert sie nicht. Vorbei an einem Lichtturm aus Soldatenfotos kommt man in die Rüstungskammer und sieht, wie sich das Reich systematisch auf einen Konflikt vorbereitete. Neben den Kanonen sieht man Panzerplatten und das Modell des Linienschiffs „Kaiser Barbarossa“ von 1901. Selbst am Flottenbau verdienten die Konzerne an Rhein und Ruhr, die Maschinenteile, Schiffsschrauben und natürlich die schweren Geschütze fabrizierten. Otto Bollhagen malte 1915 den „Giftgas-Versuch auf der Wahner Heide in Köln“. Auch die chemische Kriegsführung wurde hier vorbereitet.

Hier hätte die Ausstellung mit Konzentration ihr Thema in den Griff bekommen können. Denn es stimmt ja, was Grütter sagt: In der Region an Rhein und Ruhr wurde der Krieg ausgebrütet – und zugleich wurde sie in besonderer Weise sein Opfer. Viele Schlaglichter auf die Kriegszeit blitzen auf: Propagandaplakate und die monströsen hölzernen Ritterfiguren, der dreieinhalb Meter hohe „eiserne Georg“ aus Krefeld, der etwas kleinere Reinoldus aus Dortmund, in die man für eine Spende einen Nagel schlagen konnte, um so symbolisch und real Deutschland zu rüsten. Dieser globale Krieg technisierte das Töten. Von bunt kostümierten Pickelhaubenträgern wandelten sich die Soldaten zu modernen Landsern im Tarnanzug mit Stahlhelm und Gasmaske. Was nicht jedem half, wie eine diskrete Schauvitrine mit Wachsnachbildungen von furchtbaren Verletzungen zeigt, die in der Arztausbildung eingesetzt wurden. Andere Vitrinen enthalten Armprothesen. Und im letzten Raum dieses Abschnitts konfrontiert die Schau das größte Kriegsdenkmal überhaupt, das der Bildhauer Jospeh Enseling 1926 für den Stahlkonzern Krupp schuf, mit verrosteten, ausgegrabenen Granatenhülsen. Die Namen von 2841 gefallenen Rüstungsarbeitern in einer pompösen Inszenierung über ihrem eigenen Produkt, das sie zu Tode brachte. Eine ebenso makabre wie treffliche Pointe.

Aber nun folgt eben noch ein Kapitel, bei dem man sich vielleicht hätte knapper fassen sollen. Es stimmt: Im Ruhrgebiet endete der Krieg nicht 1918. Nimmt man die Revolution in der Folge der Matrosenaufstände, die Phase der Arbeiter- und Soldatenräte, den Kappputsch, die Besetzung des Reviers durch französische und belgische Truppen hinzu, so herrschten bis 1925 kriegs- oder bürgerkriegsartige Zustände. Dem pfropft die Schau aber immer noch etwas auf: Die kesse Mode der 1920er neben noch einer Armprothese, eine irritierende Reklame für Bonbons, mit denen frau zunehmen kann, neben dem Kinderbuch „Nesthäkchen und der Weltkrieg“, ein Rad vom Hallenrennen, Filmfotos, Radiomikrophon. Die Geschichte geht weiter. In Deutschland folgt der NS-Staat. Da aber droht die Fülle der Stücke und Themen die klare Linie der Erzählung endgültig zu verdecken.

1914 – Mitten in Europa auf der Kokerei Zollverein in Essen.

Bis 26.10., tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 24 681 444,

www.1914-ausstellung.de

Katalog, Klartext Verlag, Essen, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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