Ausstellung zum 100. Geburtstag von Emil Schumacher

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Archaisch und kraftvoll: Emil Schumachers Gemälde „Temun“ (1987) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAGEN–Das Bild hat die archaische Wucht einer Höhlenmalerei. Ganz grob scheint der Umriss eines Stiers oder eines Pferdes auf eine Felswand geschmiert. Deutlich erkennt man den schweren, tiefschwarzen Farbbrei. Das grelle Rot der Wand kann man eigentlich nicht richtig definieren, weil es an jeder Stelle ein wenig anders aussieht. Mal trägt es einen Grauschleier, als hätte es jemand befleckt. Dann wieder wölkt es sich in hellere Gelb- und Orangetöne. An einigen Stellen ist es zerkratzt, an anderen konzentriert es sich zu einer Schmierspur. So malte nur einer: Emil Schumacher.

Sein 1987 entstandenes Gemälde „Temun“ ist in der Ausstellung „Malerei ist gesteigertes Leben“ zu sehen, mit der das Emil-Schumacher-Museum in Hagen den Künstler feiert. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Es ist eine ungewöhnliche Schau geworden. Sein Sohn Ulrich, Vorsitzender der Schumacher-Stiftung, unterstreicht, dass man keine umfassende Werkschau bieten wollte. „Retrospektive haben wir hier immer“, weist er auf die Dauerausstellung des Museums hin, die einen breiten Querschnitt durch alle Werkphasen bietet. Die Ausstellung sucht stattdessen Schumachers Platz im internationalen Kontext. Nicht alle Hagener haben sich mit dem Maler angefreundet und dem Haus, das sein Schaffen vorstellt. Abstrakte Malerei ist nicht so populär.

Schumacher wurde von den Nazis um zwölf Jahre beraubt. Seine erste Ausstellung war 1934 in Witten geplant, aber von den Machthabern verhindert. Nach dem Krieg feierte er Erfolge – sogar international, mit Ausstellungen in Amsterdam und Paris. 1958 nahm er an der Biennale von Venedig teil, 1959 an der documenta in Kassel, 1960 hatte er eine Ausstellung bei der Galerie Kootz in New York, wo er 1958 den Guggenheim Award erhalten hatte.

Solche Daten muss man sich vergegenwärtigen, um die aktuelle Ausstellung zu verstehen. Sie stellt Schumacher die großen Namen der internationalen Nachkriegsavantgarde gegenüber und zeigt mit 62 Exponaten erstaunliche Parallelen. Den Einstieg machen ausgesprochen populäre Künstler: Die Expressionisten Emil Nolde und Christian Rohlfs. Sie waren für Schumacher vor 1945 Inspirationsquellen, ebenso wie die französische Kunstzeitschrift „Cahiers d‘art“, die ihm in Schwarz-Weiß-Fotos die Kunst von Matisse vor Augen führte.

In der Gruppe junger westen in Recklinghausen kam er intensiver in Kontakt mit der Abstraktion. Ab 1951 entwickelte er seine eigene Bildsprache. Der Vergleich mit Fritz Winter, Wols und Pierre Soulages zeigt, wie er ähnliche Probleme bearbeitet, eine von Schrift, von Zeichen abgeleitete Formsprache, aber eigene Lösungen findet. Er strukturiert in „Lavaloh“ (1955) das zeichenhafte Gebilde dadurch, dass er es in Schwarz und Rot ausführt. Bei ihm sind kalligraphische Struktur und Hintergrund klar geschieden, aber es gibt nur diese beiden Bildebenen.

Gastkurator Erich Franz war selbst erstaunt über die Vielfalt in Schumachers Schaffen. Er hat Sand und Nägel in die Farbe gemischt, Steine auf die Leinwand montiert, die Holztafel, auf die er malte, mit dem Hammer bearbeitet, dünnes Blei aufgetragen und Papier, das sich vor die Leinwand wölbt. Trotzdem, so betont Franz, könne man die Handschrift des Malers stets erkennen. Er habe langsam gearbeitet, den Widerstand gesucht, sei es im Farbmaterial, im Aufbrechen des Malgrundes, sei es darin, dass er bei einer großen Zeichnung den breiten schwarzen Pinselstrich nicht schnell durchzog, sondern mehrfach, immer neu ansetzte und so den Blick abbremste.

Solche Details sind für Spezialisten. Aber auch der ungeschulte Kunstfreund findet hier Schumacher absolut auf Augenhöhe mit internationalen Größen wie Robert Motherwell, Willem de Kooning, Cy Twombly, Jean Dubuffet. Motherwells mehr als drei Meter breite „Elegy to the Spanish Republic“ (1975) beeindruckt durch die Wucht der Schwärze, die sich vor einen Bildraum aus Braun und lichtem Blau drängt, die breiten, massiven Striche offenbaren dem zweiten Blick eine sensible Binnenstruktur durch weiße Flecken und Linien. Schumachers documenta-Bild (1964), das zunächst so anders, unstrukturierter aussieht, weist bei näherem Hinsehen ganz ähnliche Strategien auf. Von Antoni Tàpies ist die „Graue Tür auf schwarzem Grund“ (1961) neben Schumachers „Weißem Bogen“ (1969) und seinem Blei-Objekt B-12/1970 zu sehen, verwandte Motive, die doch sehr eigen umgesetzt sind.

Mit vielen Künstlern war Schumacher befreundet, mit Soulages, mit dem italienischen Maler Emilio Vedova. In dessen „Scontro di Situazzioni“ (1959) sieht man, was schnelle Malerei ist: Die Farbe wirbelt, die Striche fegen übereinander, ein wilder, explosiver Tanz, der die Blicke mitnimmt. Dieses Tempo ging Schumacher nie. Selbst seine „Eruption“ (1956) wirkt statisch, als seien die Farbspritzer eingefroren.

Die hinreißende Schau mag ins Bewusstsein rücken, dass Schumacher mehr war als ein Provinzmaler aus Hagen. Er schuf bleibende Werte.

Auch wenn er schon als 16-Jähriger mit dem Fahrrad nach Paris reiste und später oft auf Ibiza lebte und malte: Emil Schumacher blieb seiner Vaterstadt Hagen bis zum Tode treu, hatte dort Wohnsitz und Atelier. 2009 wurde, nach mühevollen Verhandlungen, das Schumacher-Museum eröffnet, das seinen Nachlass aufnahm. Heute ehrt ihn die Stadt Hagen mit einem Festakt in der Stadthalle (19 Uhr), die Festrede hält Bundestagspräsident Norbert Lammert. Anschließend wird die Ausstellung Malerei ist gesteigertes Leben eröffnet.

Emil-Schumacher-Museum, bis 20.1.2013, di – fr 10 – 17, do 13 – 20, sa, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 02331/207 31 38,

http://www.esmh.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 29,90 Euro

Außerdem erscheint eine neue Monografie über Schumacher von Ernst-Gerhard Güse, dem früheren Direktor der Museen der Klassik Stiftung Weimar: Emil Schumacher, Das Erlebnis des Unbekannten, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 504 S., 49,80 Euro

Quelle: wa.de

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