„Aus Berlin“: Neue Malerei im Karl Ernst Osthaus Museum

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Lilly Hills Gemälde „Spagat“ (2007) ist in der Hagener Ausstellung „Aus Berlin“ zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAGEN–Diese Leichtigkeit verzaubert den Betrachter: Elegant schwebt die majestätische Nackte im Raum. Die Frau sticht selbst die üppigsten Rubens-Damen aus, ihre Fülle staut sich um die Hüften zu veritablen Wülsten, doch das nimmt nichts von ihrer Schwerelosigkeit. Sie sucht auch nicht den Blickkontakt zum Betrachter, hat die Augen niedergeschlagen, hält mit spitzen Fingern einen Faden, das einzige, nun ja: Kleidungsstück. Mit altmeisterlicher Illusionskunst malte Lilli Hill 2007 den Spagat, und sie schuf die Turnerin nach ihrem Bilde.

Die imposanten Frauenakte der aus Kasachstan stammenden, in Berlin lebenden Künstlerin sind in der Ausstellung „Aus Berlin“ im Hagener Karl Ernst Osthaus Museum zu sehen. Tayfun Belgin, Direktor des Hauses, möchte mit rund 170 Werken von zehn Künstlern aktuelle Positionen realistischer Malerei zeigen. Das Interesse daran wächst, meint er. Und die deutsche Hauptstadt ist ein Zentrum dieser Bewegung. Einer einheitlichen „Berliner Schule“ freilich begegnet man in Hagen nicht. Vielmehr überrascht die Spannweite der ausgestellten Werke.

Die feinmalerischen Selbstporträts, in denen Lilli Hill sich inszeniert, zählen zu den spannendsten, nicht nur wegen des unübersehbaren Humors, mit dem sie den Büstenhalter zur Parole „Liberté“ (2007) schwingt und ein Kondom als Ballon aufbläst. Die Künstlerin spielt auch mit der Tradition im Ausstattungsstück „Hera und Augen des Argos“ (2011) und mit Symbolen wie in „Fisch“ (2009), wo die schöne Nackte ein blutiges Messer und einen abgeschnittenen Fischkopf hält – eine unzarte Anspielung auf Kastrationsängste männlicher Betrachter. Ist es Likör oder Blut, was der Frau in „Aprilnacht“ von den Lippen tropft, schläft der Mann, dessen Füße wir sehen, oder ist er von der Vampirin ausgelutscht? In solcher Selbstbetrachtung liegt mehr weibliches Selbstbewusstsein als in ganzen Jahrgängen feministischer Magazine.

Aber es ist ja noch viel mehr zu bewundern, ein herrlicher Saal mit den Werken von Johannes Grützke, dem Altmeister der Neuen Prächtigkeit. Weist sein großformatiges Historiengemälde „Europa erscheint“ (1981) nicht auf Wirren der aktuellen Tagespolitik voraus? Kahlköpfige reifere Herren sitzen da zu Tisch wie eine Horde tobender Schulbuben, stoßen Flaschen um, zerren sich am Ärmel, fangen gleich an zu raufen. Da schreitet eine schlichte Frau mit Wischer und Eimer Treppenstufen herab, vielleicht eine Kanzlerin? Keiner entblößt sich im Selbstporträt so wie Grützke, bis über die Karikatur hinaus zeigt er den schiefen Nasenzinken vor, den Bartschatten, die geplatzten Äderchen, die entgleisenden Gesichtszüge. Wer sich so wenig schont, darf auch den Regierenden Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, als fröhlichen Bourgeois mit runder Loriot-Nase darstellen.

Humor haben sie, die Berliner Maler. Pavel Feinstein travestiert Altmeister, nimmt Details aus den „Meninas“ von Velazquez und setzt einen Affen hinzu, mal mit Staffelei, mal mit Skizzenzettel. Und Michael Sowa, begnadeter Mitarbeiter der Satire-Zeitschrift „Titanic“, malt in der Tradition eines Spitzweg fiese Idyllen: An der „Schönen Allee im Osten von Berlin“ (1991) ist jeder Baum von einem Wildpinkler besetzt.

Aber trifft der Begriff „Realismus“ eigentlich diese Malerei? Die Künstler übertreiben, sie schieben sich die Realität zurecht, wie es ihnen passt. Der Witz vieler Bilder besteht ja darin, dass sie Unwirkliches, Unmögliches zeigen, was wiederum ein Schlaglicht auf die Zustände wirft. Schmerzlich realistisch hingegen sind die Bilder Heike Ruschmeyers, die Fotos aus der Pathologie von misshandelten, toten Kindern zu altargroßen Tafeln verarbeitet. Nackt, ruhig und doch würdevoll liegen sie vor unseren Augen, kaum Farbe ist darin. Diese Epitaphien berühren jeden Betrachter, ebenso wie die Serie „Lalelu“ mit schäbigen, zugemüllten Verwahrräumen voller Gitterbetten, die an Tierhaltung denken lassen.

Nicht alle Werke der Schau haben solche Kraft. Johannes Heisig steht mit seinen vollgepackten Kompositionen allzusehr im Schatten seines Vaters Bernhard. Volker Stelzmann, ein Senior der DDR-Kunst, sucht im Triptychon „Passage“ (2009) mit pittoresken Punks Gegenwärtigkeit und bleibt doch seltsam leblos. Auch sein Schüler Andreas Leißner bringt in seine glatten Bilder von jungen Männern mit großen Maschinen beim besten Willen kein Geheimnis hinein.

Ungeachtet solcher Untiefen gibt es genug überaus Sehenswertes in Hagen, das beweist, dass die Malerei noch eine sehr lebendige Kunst ist.

Aus Berlin im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen, bis 22.4., di – fr 10 – 17, do 13 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38, http://www.osthausmuseum.de

Katalog 19,80 Euro

Quelle: wa.de

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