Ascanio Celestinis Buch „Schwarzes Schaf“ ist amüsant, poetisch und düster

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Ascanio Celestini ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Eigentlich ist Ascanio Celestinis Buch „Schwarzes Schaf“ gar nicht zum Lachen. Der italienische Autor versetzt sich darin in Nicola, den Insassen einer Irrenanstalt. In knappen Sätzen, komponiert wie ein Gedicht, mit Wiederholungen und einem bezwingenden Rhythmus, spricht Nicola selbst. Sein erster Satz: „Ich bin dieses Jahr gestorben.“

Darum kreist das Buch, um den Tod und wie es danach weitergeht. Für den „normalen“ Leser ist es natürlich irritierend, sich in das Denken eines psychisch Kranken zu versetzen. Nicola gibt es zweimal. Erst als namenloses Ich, das in den „fabelhaften Sechzigern“ geboren wurde. Es erzählt von seiner Kindheit mit seiner Großmutter, die sich vor allem von Eiern ernährt, die sie aufbohrt und trinkt, wozu sie sagt: „Das ist frisch, das Ei. Es riecht noch nach Hühnerarsch.“ Die Oma und er besuchen die Irrenanstalt, in der seine Mutter lebt, die man mit Elektrizität zu heilen versucht.

Dann gibt es noch einen Erzähler, Nicola, der auch in der Anstalt lebt und den der Ich-Erzähler begleitet. Die Unschuld, mit der die Jungs erzählen von ihren Wünschen und Träumen, von nackten Mädchen zum Beispiel, die nackte Männer ablecken, sollte nicht täuschen. Dieses Insassen-Doppel hat viel durchgemacht. Zum Beispiel mit der wunderschönen Marinella lebende Spinnen gegessen, um sie zu beeindrucken.

Inzwischen aber, viele Jahre später, arbeitet sie im Supermarkt, und da bringt Nicola sie doch noch zum Lachen, mit Scherzen über die dauerfurzende Schwester zum Beispiel. Auch Nicola ist ein „schwarzes Schaf“, ein dummer, armer Irrer, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Und den sie mit Elektroschocks traktieren.

Voller Mitgefühl zeichnet Celestini sein Porträt von Nicola, er kommentiert nichts, klagt nicht an. Und er schildert doch die Schrecken eines Systems, das wegsperrt und nicht heilt. Am Ende dieses so düsteren und zugleich so poetischen Buchs gelingt immerhin ein Ausbruch. Ein bisschen Freiheit schimmert auf. Der Autor, geboren 1972 in Rom, gehört zu den Stars der italienischen Literaturszene und füllt als Vortragskünstler Theatersäle. Mit diesem kurzen, aber starken Roman ist er jetzt auch in deutscher Sprache zu lesen.

Ascanio Celestini: Schwarzes Schaf. Deutsch von Esther Hansen. Wagenbach Verlag, Berlin. 124 S., 15,90 Euro

Quelle: wa.de

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