„Artures“ von Yüksel Arslan in der Kunsthalle Düsseldorf

+
Detailreich: Ein Blatt aus Yüksel Arslans „Arture“-Serie (1976-77), zu sehen in Düsseldorf ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–In der Kunsthalle Düsseldorf entfaltet sich ein seltsames Kabinett: Anatomische Studien, düstere Szenen aus Fabriken, Erkundungen der Sexualität – begleitet von schwer zu entziffernden Texten. In Yüksel Arslans „Artures“ treffen Wissenschaft, Mythen und Kapitalismuskritik in mitunter grotesken Szenen aufeinander.

Dieses Werk scheint nicht allein in der Vielfalt seiner Themen unermesslich. Der Künstler bohrt nach dem Ursprünglichen, dem Kern der menschlichen Motivation. Welche Energie treibt den Menschen an, was hat ihn geformt und wie lebt das archaische Ich in der Moderne? Arslan, 1933 in Istanbul geboren, stellt große Fragen.

Bereits der Herstellungsprozess der Bilder gibt eine Ahnung seines ganzheitlichen Anspruchs. So arbeitet Arslan nicht mit herkömmlichen Farben, sondern mischt Erde, Kohle, Fett, Honig und Urin zu Naturfarben, um dem Wesen der Malerei und der Mystik der Farben nahe zu kommen. Auf der anderen Seite speist sich das Werk des in Paris lebenden Künstlers aus der Literatur, Philosophie, Kunst und Soziologie.

Aus dieser Mischung entwickelt Arslan Bildwelten, die das Auge mit einer Fülle, Komplexität und Kleinteiligkeit herausfordern und durch surreale Akzente irritieren. Ein Bild mit einer listenartigen Aufstellung von Augen scheint einem anatomischen Lehrbuch entnommen, doch die Zeichnung gehen über die Realität hinaus: Flammen, Zitate, Blut und andere abseitige Störungen sind in diesem Werk der Serie „L‘homme I“ von 1988 eingefügt. In anderen Bildern spürt der Künstler der Ökonomisierung des Lebens nach: Anstelle eines Kopfes tragen die Arbeiter in der Serie „Le capital“ (1969–75) Werkzeug, die Fabriken erscheinen als düstere menschenschluckende Ungetüme. Dann wiederum kreuzt er Mensch und Tier in seltsamen Wesen; phallische Symbole durchziehen die Bilder des Kapitels „Influences“ (1980–84).

Trotz dieses umfangreichen und einzigartigen Werks ist Arslan ein Außenseiter im westeuropäischen Kunstmarkt; selbst das Internet verrät nicht viel mehr über ihn als die aktuelle Ausstellung in Düsseldorf. So schließt die Schau in der Kunsthalle, die mit Häusern in Zürich und Wien erarbeitet wurde, durchaus eine Lücke. Sie lässt aber auch vieles im Unklaren. Die 200 Papierarbeiten, im Ausstellungsraum dicht angeordnet, bieten dem Auge kaum Orientierung und lassen gerade durch die Fülle von französischem Text vieles offen.

Ergänzt wird die Schau durch Präsentationen von zwei einflussreichen „Outsidern“. Der montenegrische Maler Dado (1933–2010) zeigt in „Danse Macabre“ Gemetzel, Massaker und Leichenberge. Die Körper sind mit riesigen Köpfen, verzerrten Gliedmaßen und Auswüchsen verfremdet. Diese albtraumhaften Szenarien wurzeln wohl in Dados Kindheitserfahrungen im Zweiten Weltkrieg.

Das Abgründige bestimmt ebenfalls die Bildwelten von Carol Rama. Mit der Schau „Böse Zungen“ erweitert die italienische Künstlerin, Jahrgang 1918, die Ausstellung um eine weitere Dimension: das Körperliche. Mit offen obszönen Bildern, stets autobiografisch geprägt, bricht sie selbst heute nicht nur gesellschaftliche, sondern auch ästhetische Konventionen. Zungen ziehen sich als Fetischobjekte durch symbolhafte Aquarelle und Collage, Materialien wie Leder, Puppenaugen und vor allem alte Fahrradreifen wecken unmittelbar Assoziationen. Carol Rama wurde 2003 für ihr Lebenswerk auf der Biennale Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Wer sich auf ihre Bilder einlässt, kann spüren, dass diese Künstlerin eine Wegbereiterin der Kunst und gerade der Künstlerinnen im 20. Jahrhundert war.

Artures in der Kunsthalle Düsseldorf.

Bis 24.6., di – so 11 – 18 Uhr. Kataloge: „Artures“ 35 Euro, „Danse Macabre“ und „Böse Zungen“ je 19 Euro.

Tel.: 0211/8996243, www.

kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare