Arthur Millers „Hexenjagd“ in Bochum

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Aufstellung zur „Hexenjagd“: Pola Jane O’Mara (von links), Henrik Schubert, Anke Zillich, Michael Schütz, Felix Rech, Torsten Flassig und Veronika Nickl in Bochum.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Wie eine Palisade spannt sich der Gerichtsstand vor den tiefen Bühnenraum des Bochumer Schauspielhauses. Das Mobilar moderner Rechtssprechung mit Monitoren, Mikrofonen und Stehpulten hat Claudia Kalinski unverrückbar ins Theaterhaus gezimmert. Verhandelt wird das Stück „Hexenjagd“, das Arthur Miller 1953 geschrieben hat, um auf Verrat und Angst hinzuweisen, die in der McCathy-Ära die USA erschütterten. Auch ihm wurden kommunistische Umtriebe nachgesagt, ins Gefängnis musste er dann doch nicht.

Regisseurin Daniela Löffner verdichtet Millers Stück über eine Puritaner Gemeinde von 1692 zu einem Justizdrama unserer Zeit. Das gottgefällige Leben der frühen Siedler geriet einst in eine Krise, als Missernten ihre Existenz bedrohten. Schnell war Hexenwahn zum Ventil für Angst zum Machtmissbrauch instrumentalisiert. Denunziationen folgten, Todesurteile wurden vollstreckt. Die Gemeinde Salem drohte sich zu zerstören.

In Bochum geht die 13. Strafkammer mit gefasstem Ernst an die Sache und lässt Szenen in einer Guckkastenbühne über dem Gerichtsstand nachspielen. Was geschah in der Nacht, als die Mädchen im Wald tanzten? Pfarrer Samuel hatte die vier überrascht. Seine Nichte Betty fällt darauf in einen Schockzustand und rollt die Augen. Ihre Cousine Abigal („Niemand war nackt“) wird vom Kirchenmann bedrängt, der etwas Unnatürliches vermutet: Hexen. Das Gericht (Anke Zillich, Michael Schütz) blickt mit dem Publikum auf die Bühne, wo die Mädchen genötigt werden, ihren Übermut mit teuflischen Geistern zu verbinden. Opfer ist nicht wie bei Miller die einfältige Voodoo-Schwarze Titubar, sondern ein muslimischer Jugendlicher. Er habe die bösen Geister beschworen, faucht Abigal („Ausländerpack“). Kristina Peters verwandelt sich in ein Miststück. Torsten Flassig spielt Titubar als unbescholtenen jungen Mann, der beschuldigt wird und keine Chance hat. Selbst das Gericht drängt mit Zwischenruf auf „Wahrheit“. Der Guckkasten, als Ort der Analyse, zeigt ein Gericht, das zur Denunziation einlädt. Löffners Regieeinfall macht die Inszenierung unglaubwürdig, weil die Justiz in unserer Medienzeit nicht Geister und Teufel als maßgeblich akzeptieren kann. Höhepunkt dieses Fehlgriffs ist, wie im zweiten Teil „ein kalter Wind“ im Gerichtssaal beschwört wird, mit dem Abigal ihre Widersacherin Mary, die den Schwindel aufdecken will, diffamiert. Peinlich! Dabei hätte das Publikum gern über den Anachronismus des Stücks gelacht.

Aber Löffner bleibt ernst und baut zwischen den Verhandlungsterminen ein bühnenrealistisches Ehedrama ein. John Proctor (Jürgen Hartmann) hatte sich mit Dienstmagd Abigal eingelassen. Beide verdrehen sich im Gericht noch lustvoll ineinander, bevor der Familienvater Schluss macht. Später muss er daheim neben Gartenstühlen, Bobbycar und auf Rollrasen erleben, wie seine Frau abgeführt wird. Abigal hatte sie denunziert, um sich zu rechen. Katharina Linder spielt die Ehefrau gradlinig und erdverbunden.

Das intensive Spiel der Darsteller kann für den Momente fesseln, aber es stechen krude Regieeinfälle heraus. Titubar wird sich die Zunge herausschneiden – um nichts Böses mehr zu sagen? – und betet später zu Allah – ohne Zunge? Henrik Schubert geht als „Tatort-Reiniger“ mit gelben Handschuhen vor.

Wie selbstzerstörerisch der Hexenwahn in Salem war, klärt Arthur Miller am Ende auf. Dass die Regie an den „institutionellen Rassismus“ zum NSU-Prozess in Deutschland denkt, steht im Programmheft, aber auf der Bühne findet ein anderes Drama anno 1692 statt. Ärgerlich.

5., 12., 29. 3., 3., 25. 4., 2. 5.; Tel. 0234/3333 5555

Quelle: wa.de

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