Arte-Dokumentation über „Hitlers Polizei“

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Polizisten bewachen im Mai 1940 in Asperg bei Stuttgart eine „Zigeuner-Sammelstelle“, bevor die Gefangenen in Konzentrationslager deportiert werden. Szene aus der Arte-Dokumentation. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Polizisten hätten ihn gerettet, sagt Erwin Jöris. Der KPD-Funktionär wird im März 1933 von Berliner SA-Leuten in eine Kneipe verschleppt. Polizisten verschaffen sich Zutritt, „zanken sich“ mit der SA und nehmen Jöris mit auf die Wache. Zu Hause sei er in dieser Nacht nicht sicher, erklären ihm die Beamten. Diese Episode erzählt der 98-Jährige in dem Arte-Dokumentarfilm „Hitlers Polizei“.

Sie ist eine Momentaufnahme des Umbruchs. Denn als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, versteht sich die Polizei in Preußen noch als Freund und Helfer der Demokratie. Bald werden SA-Männer zu Hilfspolizisten befördert, und die Beamten sehen sich mit Tausenden neuer Kollegen konfrontiert, die nicht selten als Gewalttäter aktenkundig sind. „Unzuverlässige“ werden entlassen: Sozialdemokraten, Liberale, Zentrumsleute. Der NS-Staat stattet sie mit neuen Vollmachten aus und macht die Polizei zur Vollstreckerin der „Volksgemeinschafts“-Ideologie: Zur Vorbeugung dürfen „Feinde“ verhaftet und festgehalten werden, der Rechtsstaat verlottert zum Polizeistaat.

Wie aus den Schupos, die in Werbefilmen alten Damen über die Straße helfen, stramme Polizeisoldaten werden und im Krieg schließlich Mörder in den besetzten Gebieten, das schildern Wolfgang Schoen, Holger Hillesheim, Frank Gutermuth und Sebastian Kuhn äußerst nüchtern. Ihr 50-minütiger Film stützt sich auf die Forschung, auf Fotos und Filme aus Archiven. Es werden, anders als sonst oft üblich, keine Szenen nachgestellt, die Authentizität vorgaukeln. Und die Zeitzeugen-Interviews wühlen nicht in Gefühlen, sondern recherchieren erhellende Erlebnisse – wie die von Erwin Jöris.

Der Film schildert das Nebeneinander von normalem Polizeialltag und der immer weiter reichende Erfassung derer, die nicht in die „Volksgemeinschaft“ passen: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Arbeitsscheue, Asoziale. Neu sind die Randgruppen nicht, neu ist aber die immer brutalere Verfolgung. So berichtet Petra Rosenberg, wie ihre Eltern und Großeltern im Sommer 1936 ins Zigeunerlager Marzahn verfrachtet werden. „Nicht-Arier“ sollen während der Olympischen Spiele aus dem Berliner Stadtbild verschwinden. Die Rosenbergs werden „von unseren Polizisten abgeholt“, Familie und Beamte kennen sich seit Jahren. Die meisten Angehörigen sterben später in Auschwitz.

Mit dem Krieg vergrößert sich ab 1939 das Einsatzgebiet der Polizei. Grün uniformierte Bataillone sorgen für „Recht und Ordnung“ in den besetzten Gebieten. Das reicht von der Verkehrsregelung über die Deportation von Juden bis zur so genannten Partisanenbekämpfung. „Ganz normale Männer“, so hat der US-Historiker Christopher Browning in seinen Forschungen über das Hamburger Polizeireservebataillon 101 festgestellt, wurden in Ostpolen zu Henkern.

Nach dem Krieg wurde nur eine Handvoll Polizisten angeklagt. Im Blickpunkt standen, wenn überhaupt andere Tätergruppen: In den Nürnberger Prozessen war nur die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt worden. Schlagzeilen machten in den 1980er Jahren Hitlers „furchtbare Juristen“, in den 1990ern dann die Ausstellung über „Verbrechen der Wehrmacht“. Am 1. April wird im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine neue Schau eröffnet: „Ordnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat”.

Arte, 20.15 Uhr

Die ARD zeigt einen ausführlicheren Zweiteiler am 30. März und 6. April, jeweils 23.30 Uhr

Quelle: wa.de

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