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Armin Mueller-Stahl zeigt Bilder seiner „Jüdischen Freunde“ in Dortmund

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Von: Ralf Stiftel

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Armin Mueller-Stahl in seiner Ausstellung „Jüdische Freunde“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund
Zu seinen Bildern im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte hat Armin Mueller-Stahl viel zu sagen. © Dortmund-Agentur / Roland Gorecki

Dortmund – Mit jedem Porträt verbindet Armin Mueller-Stahl eine Geschichte. Bei Marcel Reich-Ranicki fällt ihm ein, dass der Literaturkritiker ihm die Rolle des Schriftstellers Thomas Mann in Heinrich Breloers Doku-Drama „Die Manns“ nicht zugetraut hat. „Er hat sich überzeugen lassen“, merkt Mueller-Stahl an. Und in sein Porträt des Literaturpapsts schrieb er: „Nach ,Die Manns‘ gegenseitiger Respekt“. So markieren die 30 Bildnisse, die im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte ausgestellt sind, jeweils auch Lebensstationen des deutschen Hollywoodstars.

Er kommt selbst ins Revier, redet am Donnerstag ab 18 Uhr über sein Schaffen als bildender Künstler. Von Bühne und Leinwand hat er sich verabschiedet. Aber er malt noch, seit seiner Kindheit. „In aller Arroganz sage ich: Ich kann das“, erklärt er. Das Zeichnen sei ihm immer leicht gefallen. Es hat ihn auch nach Dortmund geführt. An der Universität haben Studierende der Amerikanistik den Gedichtband „Grashalme“ des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman erstmals übersetzt. Für die Ausgabe sprach Professor Walter Grünzweig Mueller-Stahl an, ob er nicht ein Porträt des Dichters beisteuern könne. Der Schauspieler nahm den Auftrag an, kam auch am Mittwoch an die Uni und stellte im Audimax seine Arbeit vor.

Museumsdirektor Jens Stöcker ergriff die Chance, den Hollywoodstar parallel als Zeichner vorzustellen. Die Serie „Jüdische Freunde“ hat einen programmatischen Hintergrund. Mueller-Stahl zeigt sich erschreckt über die neue Präsenz des Antisemitismus in Deutschland. Das war für ihn Anlass, zeichnerisch „vom guten Teil meines Lebens mit jüdischen Freunden zu erzählen“, während Teile der Gesellschaft „in die Vergangenheit driften, in Richtung 1933“.

In der sehr persönlichen Freundesrunde des 91-Jährigen spielen Geiger eine wichtige Rolle. Ursprünglich wollte Mueller-Stahl selbst Musiker werden, am liebsten ein „geigender Hamlet“, und er hat ja auch in Berlin Musik studiert. So erinnert er in Bildnissen an David Oistrach. Er erzählt von einem bewegenden Auftritt Yehudi Menuhins, der eine Chaconne von Bach unterbrach, um aus dem Brief einer Holocaust-Überlebenden vorzulesen, eine Versöhnungsgeste an das deutsche Publikum. Menuhin spielte weiter. „Danach hatte die Chaconne eine andere Kraft.“

Man sieht aber auch Filmregisseure in Dortmund, Woody Allen, Billy Wilder, den Produzenten Artur Brauner, mit dem Mueller-Stahl zwei Filme machte – „ein schwieriger Typ“, aber ein Film hat es bis in die israelische Gedenkstätte Yad Vashem geschafft. Der Zeichner porträtierte die Philosophin Hannah Arendt, die amerikanische Essayistin Susan Sontag („Sie wirkte zerbrechlich, traurig“, notiert er). Zum Literaturwissenschaftler Hans Mayer fällt ihm ein prägendes Erlebnis der Nachkriegszeit ein, als im Hebbeltheater Sartres Stück „Die Fliegen“ gespielt wurde. Hinterher saßen Mayer und der französische Existenzialist zusammen, der Deutsche hielt Sartre vor: „Auf dieser Seite schreiben Sie dies, auf Seite soundso etwas ganz anderes, das ist doch ein Widerspruch!“ Mueller-Stahl fasst zusammen: „Der kannte das Buch besser als Sartre selbst.“

Die Porträts wirken unfertig, oft fragmentarisch mit angedeuteten Linien in diffusen Farbfeldern. Mueller-Stahl unterstreicht, dass das seine Absicht gewesen sei: Das sollten Skizzen sein, „keine Rembrandt-Bilder“. Er konzentriert sich auf die Hände und die Augen, die „sprechenden Merkmale des Menschen“ aus der Sicht des Schauspielers. Zum Porträt gehören auch die eingeschriebenen Wörter, Erinnerungen an den oder die Porträtierte.

Haltung ist Mueller-Stahl wichtig. „Das muss jeder selbst entscheiden“, meint er. Für ihn selbst bedeutet es die „Würze des Lebens“, sein Motto nennt er: „Lieber ein Knick in der Karriere als einer im Rücken.“ Das galt, als er 1976 den Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnete, woraufhin der beliebteste Schauspieler der DDR keine Rollenangebote mehr bekam. Heute äußert Mueller-Stahl, mittlerweile auch US-Bürger, sich immer wieder besorgt über Trump und seine Anhänger, „die Horde, die mit großer Dummheit und Brutalität ausgestattet“ sei.

Obwohl er seine Karriere als Schauspieler beendet hat, bekommt er durchaus noch Rollenangebote. Interessante sogar, berichtet er, eins wäre mit dem britischen Schauspieler Michael Caine gewesen. „Aber ich drehe nicht mehr, das halte ich durch“, sagt er.

Bis 29.1.2023, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Diskussion mit Armin Mueller-Stahl 24.11., 18 Uhr, Eintritt frei

Tel. 0231/ 50 26 028

www.dortmund.de/mkk

Bildband „Jüdische Freunde“, Verlag Hatje Cantz, Berlin, 38 Euro

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