ARD-„Tatort“ aus Kiel bereichert Themenwoche

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Ungesunde Mischung: Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) inspiziert die Molkerei von Liane Kallberg (Esther Schweins). Szene aus dem ARD-Tatort „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“. ▪

Von Tobias Schröter ▪ KIEL–Das Beachvolleyball-Match droht den Bach herunterzugehen. Durch eine Getränke-Auszeit wollen Florian und sein Vater noch einmal Kraft tanken, um ihre jungen Kontrahenten doch noch zu bezwingen. Beide nehmen einen kräftigen Schluck des Energy-Drinks „Vitanale“ – wenige Minuten später ist Florian tot. Ein allergischer Schock hat bei dem 15-Jährigen einen Atemstillstand ausgelöst.

Der Mordfall im neuen Kieler ARD-Tatort „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ ist zunächst nicht als solcher zu erkennen. Doch schon nach kurzer Zeit wird klar, dass der Tod des Teenagers kein unbedachter Unfall war. Die Spur führt Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zur Molkerei Kallenberg, wo er einerseits auf eine Manipulation des Energy-Drinks mit drastischen Mengen des Farbstoffs E 102, andererseits auf hochgradig zerrüttete Familienverhältnisse stößt: Die geldgierige Molkerei-Chefin Liane Kallberg (gelungen kaltherzig verkörpert von Esther Schweins) hat sich mit ihrem Vater Alfons ebenso verkracht wie mit Bruder Paul und Tochter Melinda. Als wäre das nicht schon genug Konfliktpotential, gibt es auch noch den rotzfrechen Umweltaktivisten Mauvier, der schon seit längerem gegen die Molkerei schießt und somit schnell zum Hauptverdächtigen aufrückt.

Die exzessive Menge an menschlichen Dramen und klischeehaften Extrempositionen ist es auch, die den ansonsten glaubwürdig gespielten Sonntags-Krimi allzu konstruiert erscheinen lässt: Der alternde Firmengründer, der sich seines Lebenswerkes beraubt sieht; der Öko-Bauer, der mit seinem gescheiterten Konzept gegen den chemiedurchtränkten Großkonzern chancenlos ist; die rebellische Teenager-Tochter, die aufs Internat geschickt werden soll und von zu Hause abhauen will – das ist zu viel Schwarz-Weiß statt realistischem Grau. Die absolute Überdosis verabreicht Regisseur Florian Froschmayer in den Einschüben des verbitterten Vaters, der vom Frust-in-Alkohol-Ertränken über den versuchten Selbstmord per Pistolenkopfschuss bis hin zu blindwütiger Rache wirklich alle gängigen Szenen eines stereotypen Trauernden durchspielt.

Dass die Autoren Kai Hafemeister, Christoph Silber und Thorsten Wettcke ihren Tatort auf die ARD-Themenwoche „Essen ist Leben“ (siehe Infokasten) zuschneidern mussten, ist da noch zu verschmerzen: Verbotene oder unzureichend deklarierte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln sind ein aktuelles Thema oder sollten es zumindest sein, der ungewöhnliche „Mordfall“ an sich wirkt plausibel. Die zwischenzeitlich zum Schwung ausholende Moralkeule über die schlimmen Zustände in der deutschen Nahrungsproduktion wird dadurch abgebremst, dass die Charaktere in ihren Extrempositionen wohltuend menschlich rüberkommen: Die vermeintlich Guten offenbaren schlechte Seiten, die scheinbar Bösen gute Seiten. Auch für gelungenen Humor ist Platz, wenn Borowski durch den Fall allmählich vegetarische Züge entwickelt oder sich bei seiner zufälligen Bekanntschaft Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die sich nur einmal im Monat Fleisch gönnt, mit einem in Geschenkpapier eingewickelten Riesen-Steak bedankt.

Apropos Kekilli: Ihre in dieser Folge nur mit mäßig viel Spielzeit bedachte Figur soll in den kommenden Kieler Tatorten eine feste Rolle als Borowskis Assistentin erhalten. Eine gute Idee, schließlich bringt Sarah Brandt – obwohl ebenfalls recht einseitig als dauer-handwerkelnde Praktikerin präsentiert – frischen Wind und bietet Gelegenheit für Zwischenspiele über Borowskis Privatleben, bei denen nach dem Weggang von Maren Eggert als Psychologin Frieda Jung eine Lücke entstanden war.

ARD, Son., 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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