ARD-Film „Der verlorene Sohn“ mit Kostja Ullmann

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Gemeinsamer Erfolg: Stefanie Schröder (Katja Flint) und Rainer (Kostja Ullmann) erreichen vor Gericht, dass der Verfassungsschutz seine Beschatter abziehen muss. Szene aus „Der verlorene Sohn“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Rainer (Kostja Ullmann) zieht jetzt immer die Schuhe aus, wenn er ins Haus kommt, und schlüpft in Pantoffeln. Das könnten Bruder und Mutter doch bitte auch tun, es sei eine gute islamische Sitte. Stefanie Schröder (Katja Flint) findet das gar nicht verkehrt „bei all dem Dreck, den ich hier wegmachen muss“. Ihr jüngerer Sohn Markus (Ben Unterkofler) rastet aus: „Merkst Du gar nicht, wie Du schon wieder nach seiner Pfeife tanzt?“

Kleinigkeiten genügen, schon brennt bei den Schröders die Luft. Der jüngere Sohn ist empört über den Langmut, mit dem seine Mutter Rainer aufnimmt, den verurteilten Islamisten. Doch für sie ist „Der verlorene Sohn“ wieder da.

Regisseurin Nina Grosse hat für die ARD ein Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer verfilmt. Ein penibel beobachtetes, großartig gespielte Familiendrama. Und ein fesselnder Thriller, der aus Alltäglichkeiten allmählich eine immense Spannung aufbaut.

Die Vorgeschichte und die Verwerfungen in der Familie werden nebenbei deutlich: Rainer konvertierte zum Islam, verschanzte sich hinter der Verachtung für das „verdorbene Leben“ der anderen, tauchte irgendwann unter – vielleicht in ein Ausbildungslager in Algerien – und nach Monaten an der israelischen Grenze wieder auf, mit Tausenden Dollars. In der Zwischenzeit starb sein Vater. Rainer kam als Terrorhelfer ins Gefängnis und ist jetzt aus Israel abgeschoben worden. In der Wohnsiedlung der Schröders parkt seitdem ein dunkler Kombi, und verlässt Rainer das Haus, folgen ihm zwei Männer. Verfassungsschutz und Landeskriminalamt beschatten ihn. Er wird verdächtigt, ein Schläfer zu sein, ein potenzieller Attentäter.

Der Film verfolgt in nüchternen Bildern, wie das Familiengefüge auseinander fällt. Markus kommt nach der ersten Umarmung mit dem Bruder gleich auf den Punkt: „Bist Du immer noch auf Deinem Trip mit Deinem Dschihad?“ „Der Dschihad ist vorbei“, sagt Rainer mit dieser undurchdringlichen und leicht gereizten Miene, und damit ist für seine Mutter die Sache erledigt.

Katja Flint zeigt, wie Stefanie Schröder sich davon überzeugen will, dass jetzt alles gut sei – und sowieso nur halb so schlimm gewesen: „Er ist mit Schwarzgeld erwischt worden und hat seine Strafe abgesessen. Das passiert deutschen Managern auch manchmal.“ Mit dieser Version kann sie leben. Sie will nicht mehr misstrauisch sein, will einfach den Haushalt schmeißen und ihre Handballmannschaft trainieren. Sie besorgt Rainer einen Job im Großmarkt, bei dem Trikotsponsor ihrer Handballerinnen. Der türkische Gemüsehändler ist (vielleicht auch wegen der öffentlich-rechtlichen Ausgewogenheit) das islamische Gegenmodell zu Rainers verbissener Strenge: liberal, großzügig, genussfreudig – und angetan von den neuen Höschen, mit denen die Handballerinnen beim Aufstiegsspiel auflaufen.

Stefanie Schröder zieht schließlich vor Gericht, um die Überwachung ihres Sohnes abstellen zu lassen. Vielleicht verschwinden ja auch ihre Zweifel an Rainers Absichten, wenn die Beschatter weg sind. Zumindest der Schein der Normalität wäre dann wieder hergestellt. Sie hat Erfolg mit der Klage – und das gute Gefühl, mit dem Sohn in einem Boot zu sitzen. Doch ihr Misstrauen wird bald geweckt.

ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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