Das Archäologiemuseum Herne zeigt die Ausstellung „Pest!“

Eine Stadt im Zeichen der Seuche: Die Pest in der St.-Jakobs-Pfarre in Löwen, anonymes Gemälde von 1578. Foto: Katalog

Herne – Beim Rasenmähen erwischte die Pest 1995 eine Frau in Kalifornien. Sie hatte ein infiziertes Grauhörnchen überfahren. So kommt auch ein Rasenmäher ins LWL-Museum für Archäologie in Herne. Die Ausstellung „Pest!“ widmet sich von Freitag an so umfassend wie nie zuvor der Seuche, die tief ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben ist.

Ausgerottet ist die Krankheit nicht, betont Kurator Stefan Leenen. Wer heute nach Madagaskar reist, kommt an einen Hotspot. Allerdings ist die Pest heute behandelbar. Der Pandemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts hingegen war die Hälfte der Bevölkerung Europa zum Opfer gefallen. Ganze Dörfer standen plötzlich leer, mühsam kultiviertes Ackerland wurde zur Wüste.

Die Schau breitet mit mehr als 300 Exponaten ein medizin- und kulturhistorisches Panorama über die Krankheit aus. Man kann sich gruseln gleich am Anfang vor einem Fuß mit einer offenen Wunde, einer Hand mit einer Eiterbeule. An diesen Schaumodellen aus der Berliner Charité lernten Mediziner die Symptome der Krankheit. Auch den Übeltäter selbst findet man in der Ausstellung, ein Pestbakterium, natürlich abgetötet. Übertragen wird es vor allem durch Flöhe, die auf Ratten oder anderen Tieren dem Menschen nahe kommen. Eine präparierte schwarze Ratte und eine Mumie sind ausgestellt. Ebenso das Alkoholpräparat eines sogenannten „Rattenkönigs“ (1907). Es kommt vor, dass sich im Nest die Schwänze mehrerer Tiere unlösbar verknoten. Weil andere Ratten ihnen Futter abgeben, überleben solche Tierknäuel. Auf einem Flugblatt aus dem 17. Jahrhundert wurde ein Rattenkönig als böses Omen gedeutet, als Vorbote der Pest. Warum Ratten wirklich die Krankheit brachten, wussten die Menschen damals nicht.

In Herne sieht man Knochenreste aus einer vorgeschichtlichen Feuerbestattung. Mit den Mitteln der Gentechnik lässt sich heute nachweisen, dass die Seuche schon in der Jungsteinzeit umging, im 6. Jahrtausend vor Christus. Mehr noch: Die Forscher können erkennen, welcher Bakterienstamm beteiligt war. Daher steht fest, dass die sogenannte Justinianische Pestwelle (6. bis 8. Jahrhundert) von anderen Erregern ausgelöst wurde als der „Schwarze Tod“ im 14. Jahrhundert.

Heute hat man Mittel, mit der Krankheit umzugehen. Strenge Isolation, Schutzkleidung, Medikamente. Auch das ist ausgestellt. In der Vormoderne waren die Menschen hilflos, versuchten sich aber auf verschiedene Weisen zu helfen. Man nahm Zuflucht in der Religion, bat zum Beispiel spezielle Heilige um Fürsprache, wie den Heiligen Rochus, der stets mit Pestbeulen dargestellt wird, auch in einer Skulptur, die in Herne ausgestellt ist. Auch Sebastian ist ein Pestheiliger: Die Blitze, die ihn beim Martyrium durchbohrten, deuteten die Gläubigen um. Es bildeten sich fromme Gruppen, die zu Buße und Umkehr aufriefen und sich selbst mit Peitschen blutige Wunden zufügten, die Flagellanten. Das unscheinbare Stück einer mittelalterlichen Geißel zeugt davon.

Man nahm auch Zuflucht zur Magie: Ein Steinrelief von 1373 aus Ingolstadt trägt die Inschrift: Ananizapta. Die Formel sollte Gift und Krankheit von der Stadt abwehren. Und man probierte aus, ob etwas gegen die Seuche half: Kräuter, Muskatnuss, Tabak. Wer reich war, gönnte sich Theriak, ein auf antike Rezepte zurückgehendes Wunderheilmittel. Die einzige wirksame Maßnahme allerdings war: Flucht. Vorausgesetzt, man hatte sich noch nicht angesteckt.

Die Folgen der Seuche waren verheerend. Manchmal starben ganze Dörfer. Ausgestellt ist (als Abguss) das Kreuz des Pestfriedhofs von Leiberg im Kreis Paderborn, das an den Krankheitsausbruch von 1635 erinnert, der 400 Opfer forderte. Die Toten wurden damals aus den Dörfern und Städten geschafft und in Massengräbern bestattet.

Hochaktuell ist ein weiteres Phänomen der Geschichte der Pest: Die Menschen suchten Schuldige. So erfand man in der mittelalterlichen Pandemie den Mythos der Juden, die die Krankheit angeblich durch Brunnenvergiftung ausgelöst hätten. Oft war es nur ein Vorwand, um zum Beispiel an das Vermögen der betroffenen Juden zu gelangen. Ausgestellt sind einige Schatzfunde, zum Beispiel aus dem Judenviertel in Erfurt und aus dem Stadtweinhaus in Münster. Da versuchten die Verfolgten, ihre Habe zu verstecken, konnten sie aber nicht mehr bergen.

Der letzte große Pestausbruch forderte 1894 in China zehntausende Tote. Anders als in früheren Jahrhunderten waren die Menschen aber nicht mehr hilflos. In der britischen Kronkolonie Hongkong bekämpfte man die Ausbreitung der Seuche mit strikter Hygiene. Es gelang, die Stadt innerhalb von vier Monaten seuchenfrei zu machen. Hier entdeckte der französische Mediziner Alexandre Yersin den Erreger. Er fand die Bakterien im Gewebe von Pesttoten und kultivierte sie in seiner Bambushütte – einen Brutkasten hatte er nicht.

Die Pest ist in Europa keine Bedrohung mehr. Aber sie ist gegenwärtig, und auch davon handelt die Ausstellung. Die Passionsspiele in Oberammergau zum Beispiel gehen auf eine Pestepidemie von 1633 zurück. Die frommen Dörfler gelobten, das Sterben Christi nachzuspielen, wenn ihr Ort verschont bliebe. Im Lauf der Jahrhunderte wurde daraus ein Spektakel, das den Fremdenverkehr beflügelt. Die Pest findet sich als Motiv in der Literatur, der hohen wie bei Albert Camus und der trivialen wie in Historienkrimis („Die Versuchung der Pestmagd“). Harte Trinker beweisen ihren Mut mit dem Konsum des Wodkas „Black Death“. Und auch gleich mehrere Brettspiele wie „Rattus“ und „Pandemus“ hat die Seuche inspiriert.

20.9.–10.5.2020,

di – fr 9 – 17, do bis 9, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02323 / 946 280, www. pest-ausstellung.lwl.org

Katalog 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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