Arbeits-Albträume bei den Mülheimer Theatertagen

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Philipp Lutz als Krusenstern in Lutz Huebners „Die Firma dankt“. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Das große Ledersofa wird zum Schlund. Der Spalt zwischen den Sitzkissen saugt den treuen Angestellten Krusenstern an und zieht ihn in sich hinein.

Kurz darauf spuckt das Sofa statt des erwachsenen Mannes eine etwa 50 Zentimeter große Handpuppe aus. Die „New Economy“ frisst die alte Wirtschaftsordnung und verwandelt deren Protagonisten in Marionetten, beschreibt diese Szene aus Lutz Hübners Stück „Die Firma dankt“ sehr anschaulich. Die Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden schildert in grotesk zugespitzten Bildern den Albtraum eines langjährigen Büroarbeiters, der nach der Übernahme seiner Firma vor der Entlassung steht. Im Gästehaus des Unternehmens trifft er auf die neuen schnöseligen Kollegen, die von Krusensterns Erfahrung und Fleiß nichts wissen wollen.

Im Wettbewerb um den Dramatikerpreis der 36. Mülheimer Theatertage „Stücke“ (15 000 Euro) ist Hübner mit seiner slapstickhaften und teilweise nah am Klischee geschriebenen Komödie fast schon ein Außenseiter. Seine Konkurrenten nähern sich den Themen allesamt mit weniger konventionellen Erzählweisen, doch sie haben ähnliche Anliegen. Gesellschaftliche Krisenherde, das Aufeinandertreffen verschiedener Systeme und vor allem die ungewisse Arbeitswelt beschäftigten die Dramatiker im vergangenen Jahr. Vielleicht noch als Reaktion auf die längst überwunden geglaubte Wirtschaftskrise?

Neben Hübner, dem meist gespielten zeitgenössischen Autor im deutschsprachigen Raum, hat die Jury der „Stücke“ größtenteils bekannte Dramatiker eingeladen: Fritz Kater, Felicitas Zeller und Elfriede Jelinek waren schon öfters im Wettbewerb und erfolgreich; das Duo Nurkan Erpulat und Jens Hillje nahm mit seinem Stück „Verrücktes Blut“ bereits an mehreren Festivals teil, unter anderem an der Ruhr-Triennale. Diese Autoren stehen für unterschiedliche, doch unkonventionelle dramatische Formen: Textflächen, Sprachgewitter und Szenenfetzen prägen die Abende in Mülheim.

Kater, als Alter Ego des Berliner Intendanten Armin Petras schon legendär, erzählt in „we are blood“ vom Überleben in einer Kleinstadt. Zwischen Papierwänden sieht man die Verlierer der sich wandelnden Gesellschaft und ihre Suche nach Hoffnung oder zumindest nach einer Überlebensstrategie. Der todkranke Junge, seine Pflegerin, ein Säufer. Und der Gedanke: „Scheiße, das Atomkraftwerk brennt“. Die auseinander gerissenen Szenen stehen dabei exemplarisch für ihre zerbröselnden Beziehungen. Wie solle er ein „well made play“, ein klassisch aufgebautes, solides Drama schreiben, wenn es keine „well made welt“ mehr gebe, kommentierte Kater das traurige Stück. Die Mülheimer Jury wählte die Inszenierung des Schauspiels Leipzig und setzt damit, vielleicht ohne Absicht, einen Trend. Denn vor allem sind Theater der mittleren Großstädte vertreten, wie Mannheim, Dresden und Weimar. Mit Ausnahme der Münchener Kammerspiele fehlen die großen Häuser der Metropolen – ebenso wie die NRW-Theater.

Elfriede Jelinek, mit 15 Teilnahmen und drei Preisen die Grande Dame der „Stücke“, begegnet der vorherrschenden Gesellschaftskritik mit einem privat klingenden Werk: „Winterreise“. Schuberts Liederzyklus um den Weg und die Gefühle eines Wanderers bildet für diesen Text, ein Auftragswerk für die Münchener Kammerspiele, eine Folie. So tritt ein Wanderer aus dem eisigen Schneetreiben auf die Bühne und leitet durch die Szenen. Die Nobelpreisträgerin, die sehr zurückgezogen lebt, überrascht mit Eindrücken aus ihrem familiären Umfeld, streift dabei aber auch politische Themen wie die Bankenkrise. Jelinek erscheint in Gestalt der Schauspielerin Wiebke Puls gar selbst im Stück: eine sarkastische Figur, die schlecht gelaunt auf Partnersuche geht. Für die herausragenden Momente des Abends sorgt aber André Jung, der Jelineks demenzkranken Vater verkörpert; die Autorin selbst hatte ihn für die Rolle vorgesehen. Er tastet sich durch seine Gedanken und Erinnerungen, verzweifelt an der Erkenntnis um sein Dasein und das Verlassensein von der Familie. Schutzlos und wahrhaftig steht Jung auf der Bühne und spricht ohne auszuweichen von den wesentlichen Themen des Menschseins. Ein außergewöhnlicher Moment.

Zwischen den bekannten Gesichtern und mitunter gewohnten Erzählperspektiven wirkt Kevin Rittberger mit seinem halbdokumentarischen Lehrstück von afrikanischen Bootsflüchtlingen wie ein frischer Wind. Das Schauspielhaus Wien hat „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ inszeniert und präsentiert sich in Mülheim als eine der interessantesten Spielstätten für zeitgenössisches Theater.

Regisseurin Felicitas Brucker folgt Rittbergers brechtianischer Erzählweise: Die junge Nigerianerin Blessing berichtet von ihrer fünfjährigen, menschenunwürdigen Odyssee durch Afrika. Allein ihr Freund Boubacar überlebt die Überfahrt nach Spanien. Mit Masken, ein paar bemalten Brettern und Rollenwechseln spielt das junge Ensemble ein ganz lebendiges Theater, das für sich und das Thema einnimmt. Im zweiten Teil des Stückes dreht es das Thema um. Nun berichten die Europäer von ihren gut gemeinten, aber letztlich schädlichen Versuchen, den Flüchtlingen zu helfen. Mit der „solidarischen Kamera“ will zum Beispiel eine Journalistin über die Situation der Afrikaner einen „Film machen, der etwas riskiert“ – und bezahlt mit ihrem Leben. Die vielleicht gute Absicht und die Bemühungen waren sinnlos, die Prophezeiungen der Kassandra werden einmal mehr wahr.

Das Stück war beim Mülheimer Publikum umstritten. Trägt die moralische Botschaft? Mit seinem deutlichen politischen Anspruch, der auf eigenen Recherchen gründet, nimmt der Dramatiker eine besondere Stellung im Wettbewerb ein.

Die 36. Mülheimer Theatertage „Stücke“ enden am 7. Juni mit der Diskussion der Jury zur Preisvergabe. Zuvor sind noch „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje sowie „Warteraum Zukunft“ des Festivaldebütanten Oliver Kluck zu sehen.

Kartentelefon: 01805/570000

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Quelle: wa.de

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