Antwerpen feiert ein Barockjahr mit viel Gegenwartskunst

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Sinnbild für rassistische Gewalt: Die Installation „Five Car Stud“ von Ed Kienholz ist in Antwerpen zu sehen.

ANTWERPEN - Auf den ersten Blick hat das brutale Geschehen im düsteren Zelt nichts mit Barock zu tun. Fünf maskierte Gestalten drücken einen Afroamerikaner in den Sand. Einer setzt gerade an, das Opfer zu kastrieren. Die Installation „Five Car Stud“ des US-Künstlers Ed Kienholz erzählt eine brutale Geschichte: Fünf Rassisten entdecken eine Liebschaft zwischen dem Afroamerikaner und einer Weißen (die man als entsetzte Zeugin in einem der Autos sieht, deren Scheinwerfer das Geschehen beleuchten). Und sie vollziehen eine blutige Strafe.

Die Installation war erstmals 1972 bei der documenta 5 in Kassel zu sehen. Danach verschwand sie lange in einer Privatsammlung, gehört inzwischen der Collezione Prada in Mailand. Von da kam sie nun nach Antwerpen in die Ausstellung „Sanguine/Bloedrood“ des Museums van Hedendaagse Kunst, wo sie erstmals seit der documenta nicht in Museumsräumen gezeigt wird, sondern im Außenraum, in einem Zelt. Der Kurator Luc Tuymans, einer der wichtigsten belgischen Maler, will in der Schau Verbindungslinien zwischen der Kunst des Barock und aktuellen Werken aufzeigen. In Kienholz‘ Installation taucht der Betrachter tief ein in eine ebenso grausame wie moralische Erzählung. Der Künstler prangerte den Rassismus in den Südstaaten an, und er tut das, indem er den Betrachter schockiert und Empathie für das Opfer weckt.

All das kennzeichnet auch wichtige Gemälde des Barock wie zum Beispiel Caravaggios „Geißelung Christi“ (1607/08), die im Museum zu sehen ist. Auch hier ist ein Mensch hilflos seinen Peinigern ausgeliefert. Solche Bilder stellten das Vokabular bereit, mit dem Gegenwartskünstler ihre Werke inszenieren. So sucht die Ausstellung immer wieder Korrespondenzen, um das Fortleben des Barock bis in die Gegenwart zu verdeutlichen. Tuymans betont, dass es ihm nicht um eine kunsthistorische Argumentation geht. Er legt den Akzent auf Inhalte. Bei zwei Ölstudien von Peter Paul Rubens über den Raub der Sabinerinnen (1640) fasziniert ihn vor allem das zweite Bild, bei dem die Sabiner einen Rachefeldzug gegen die Römer unternehmen. Aber die entführten Sabinerinnen treten nun zwischen die Fronten: Es kommt zu einer gewaltfreien Lösung des Konflikts.

Immer wieder eröffnet die Schau mit rund 70 Exponaten den Dialog über die Jahrhunderte. Die Pathosformeln der Heiligenskulpturen von Johann Georg Pinsel (1758) finden ihren Widerhall in den zerschundenen, lebensgroßen Pferdeleibern, die die belgische Bildhauerin Berlinde de Bruyckere 2000 als Erinnerung an den Ersten Weltkrieg schuf („In Flanders Fields“). Den japanischen Künstler On Kawara (1932-2014) kennt man vor allem für sein konzeptuelles malerisches Werk wie die Datumsbilder. In Antwerpen sieht man die „Thanatophanies“ (1955–1995), eine Serie von Fotos von zum Teil furchtbar gezeichneten Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki.

Eine Katastrophe macht auch der französische Künstler Pierre Huyghe in seinem Video „Untitled (Human Mask)“ (2014) zum Thema. Durch ein verlassenes Gebäude im japanischen Fukushima huscht eine maskierte Gestalt, ein Affe, der eine No-Maske trägt und damit irritierend menschlich wirkt.

Immer wieder stellt die anregende Schau Werke großer Barockmeister wie Antonis van Dyck, Cornelis de Vos, Francisco de Zurbarán Arbeiten berühmter Gegenwartskünstler wie Sigmar Polke, Isa Genzken, Michael Borremans, Bruce Nauman, Jan Fabre gegenüber. Und es ist ebenso erhellend wie überraschend, wo Tuymans überall barocke Qualitäten ausmacht, sei es in den Skulpturen von Isa Genzkens aus Puppen, Rollatoren und Rollstühlen, sei es aus dem hyperrealistischen überdimensionalen Gemälde, das Mike Bouchet von einem Hamburger schuf („Brim“, 2015), bei dem Faszination durch glitzernde Lichteffekte und Ekel sich irritierend mischen.

Die Ausstellung ist Teil eines Festjahres, das Antwerpen dem Barock widmet unter dem Leitmotiv „Rubens inspiriert“. Das liegt nahe bei einer Stadt, die eins der Zentren der Barockmalerei war mit Meistern wie Rubens, van Dyck, Jacob Jordaens. Um so mehr erstaunt es, dass das Festjahr ohne eine große Ausstellung eines dieser Künstler auskommt. Das mag daran liegen, dass das Königliche Museum der schönen Künste immer noch nicht fertig renoviert ist, somit ein passender Rahmen für eine Schau hat, die ja Räume für großformatige Bilder erfordert.

Immerhin sieht man gleichwohl genug prachtvolle barocke Originale. Auch das Rubenshaus wird renoviert, unter anderem der Portikus, den man nur eingerüstet sieht. Aber die Baustelle mit den Restauratoren kann man über ein Gerüst besichtigen. Und hat dann wenigstens einen indirekten Blick auf ein Original von Rubens, der nicht nur malte, sondern auch Architekt an seinem eigenen Haus war. Zugleich wurde die Ausstellung des Hauses aufgewertet durch einige spektakuläre Leihgaben, darunter das „Martyrium des Hl. Andreas“ aus der Fondacion Carlos de Amberes in Madrid. Das monumentale Altarbild kehrt damit nach 400 Jahren erstmals wieder an seinen Entstehungsort zurück.

Zudem wurde eins der schönen kleinen Museen frisch renoviert und erweitert: Das Rockoxhuis, Wohnsitz des einstigen Bürgermeisters Nicolas Rockox (1560-1640), wurde neu gestaltet und zum Snijders&Rockoxhuis umgestaltet. Frans Snijders (1579-1657) war ein auf Stillleben spezialisierter Antwerpener Maler und wohnte direkt neben Rockox. Beide Häuser wurden nun zusammengefasst, und man hat hier die Möglichkeit, einen weiteren Barockmeister zu studieren.

Nicht verpassen sollte man auch das Museum Plantin-Moretus, das immerhin zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Es ist die original erhaltene Druckerei der Familie Plantin-Moretus, 1555 gegründet und bis ins 17. Jahrhundert ein geistiges Zentrum Europas. Hier gewinnt man Einblicke in die erste industrielle Druckerei der Welt – und im Herbst stellt die Ausstellung „Baroque Book Design“ die Zusammenarbeit der Verleger mit Künstlern vor, allen voran Rubens.

Mehr als 50 Ausstellungen, Musikprojekte, Bühnenproduktionen umfasst das Themenjahr zum Barock in Antwerpen. Die Stadt investierte dafür 8,8 Millionen Euro. Eine Übersicht bietet die Website

www.antwerpbaroque2018.be

Ausstellung Sanguine/Bloedrood im MHKA bis 16.9.,

di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032/3/260 99 99, www.muhka.be

Rubens’ Return im Rubenshaus: Bis 15.3.2019, di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/ 3/ 201 15 55, www.rubenshuis.be

Snijders& Rockoxshuis, di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/3/201 92 50,

www.snijdersrockoxhuis.be

Quelle: wa.de

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