Antonia Baums Roman „vollkommen leblos, bestenfalls tot“

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Radikal: Antonia Baum ▪

Von Annette Kiehl ▪ Die erste Nacht in der Großstadt trinkt das Mädchen ganz aus, ebenso wie die darauf folgenden Nächte. Bis zum letzten Schluck. Sie ist geflohen vor ihrer zerzankten Patchworkfamilie und der typischen Kleinstadtanordnung aus „Bäcker, Supermarkt, hoffentlich Videothek“. Sie will in den Bauch der Großstadt eindringen. Doch der Traum vom neuen Lebensglück erfüllt sich nicht, sie kann ihrer Herkunft nicht entkommen.

„vollkommen leblos, bestenfalls tot“ betitelte Antonia Baum ihren Debütroman; die Geschichte einer jungen Frau, die nach der Abiturprüfung aus der Provinz in die Großstadt zieht. Doch die Ernüchterung schwingt bei all den neuen Erfahrungen mit. Bald fasst sie mit den vier titelgebenden Worten die Idealvorstellung ihres Freundes von einer Frau zusammen: „Ein kulturelles, nichtrauchendes, nichtriechendes, niemals über die Stränge schlagendes, zurückhaltendes Talent, ein schönes Talent, ein schönes totes Talent sollte es sein (...).“

Ebenso wie der Mann bleiben auch die anderen prestigeträchtigen Bereiche des Stadtlebens für Baums namenlose Heldin eine Farce: Der Medienjob, das Philosophiestudium, die neue Liebe, die Partys. Die Selbstinszenierung und das standardisierte Leben stoßen sie ab: „Dein ganzer Kopf gehört Dir nicht, denke ich, nickend das Klischee-Problem in meinem Kopf umrührend, damit es nicht gerinnt, aber das ist es längst, denke ich, das Klischee-Problem ist in meinem Kopf längst zum Klischee getrocknet, für das ich mich sofort schämen muss.“

Dass diese Geschichte nicht selbst zum Mädchentraum-Klischee wird, liegt an ihrer Radikalität. In langen Satzspiralen zerfleddert Baum die Versprechen des modernen Lebens, mit unaufhörlichen Wiederholungen führt sie die Mantras einer nur oberflächlich emanzipierten Gesellschaft ins Absurde. Baum schreckt nicht von drastischen und mitunter surrealen Bildern zurück. Je tiefer die Heldin in das Großstadtleben eindringt, desto mehr wird sie zur Gefangenen: Jobverlust, Magersucht, Studienabbruch, Schwangerschaftsabbruch ziehen sie wie ein Strudel in die Depression. Antonia Baums Biografie ähnelt dieser Geschichte: 1984 im münsterländischen Borken geboren, studierte sie Literatur in Berlin und schreibt dort Kurzgeschichten für Zeitungen. Mit der Protagonistin ihres Romans habe sie aber wenig gemeinsam, sagte die Autorin in einem Interview. Viel wichtiger als die Handlung seien ohnehin die Reflexionen.

Mit „vollkommen leblos, bestenfalls tot“ weckte Baum auf Anhieb Aufmerksamkeit, so war das Buch in Klagenfurt für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Mit den Vorwürfen der Jury, ihr Stil orientiere sich zu stark an Thomas Bernhardt, rechnete sie später in einem Artikel in der FAZ ab. Mit einer Wut und Ironie, die dann doch an die Romanheldin erinnerte.

Antonia Baum: vollkommen leblos, bestenfalls tot. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, 238 S.,19,90 Euro

Quelle: wa.de

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