Anthony McCartens Roman „Ganz normale Helden“

+
Schreibt über Internet und Trauerarbeit: Autor Anthony McCarten ▪

Anthony McCarten hat 2006 mit „Superhero“ (deutsch 2007) einen Weltbestseller veröffentlicht. Der 14-jährige Donald Delpe, der tödlich an Krebs erkrankt ist, Comics zeichnet und endlich einmal die Liebe kennen lernen will, rührte Leser weltweit. Vor einigen Wochen kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“. Aber der neuseeländische Autor war mit den Delpes auch nach Donalds Tod nicht fertig. Nun gibt es also „Ganz normale Helden“. Von Ralf Stiftel

Gleich in mehrfacher Hinsicht hat dieser Roman also Bestseller-Potenzial. Und es schadet gewiss nicht, dass Neuseeland Gastland der Frankfurter Buchmesse ist. Obwohl McCarten schon länger in London und Los Angeles lebt. Das Drehbuch zur „Superhero“-Verfilmung schrieb er selbst.

Ein Jahr später hat die Familie die Tragödie noch immer nicht verarbeitet. Mutter Renata versinkt in Grübeleien, Selbstvorwürfe und Religiösität. Vater Jim hat ein Haus auf dem Land gekauft, weil er hofft, dass in einer neuen Umgebung alles besser wird. Aber die Ehe kriselt, und seine Partner in der Anwaltskanzlei legen dem Mittfünfziger nahe, eine Auszeit zu nehmen, weil er den Job vernachlässigt. Und Donalds älterer Bruder Jeff ist gar nicht mehr ansprechbar.

Sie alle verbindet und trennt das Internet. Renata hat in einem religiösen Chat room Gott gefunden, oder jemanden, der sich so nennt, und beichtet ihren Kummer. Jeff scheint sich in einem Computerspiel zu verlieren, http://www.lifeoflore.com, wo er als „Merchant of Menace“ ein Star ist. Als der 18-Jährige abhaut, weil er es nicht mehr aushält, da beginnt sein Vater, sich durch die Levels des Spiels nach oben zu arbeiten, um die Verbindung zu halten.

McCarten vereint in seinem Roman ein sentimentales Familiendrama mit einem Warnbuch über das Internet. Obwohl das Thema vor allem düstere Gefühle verlangt, hat der Roman helle, geradezu heitere Momente. Der Autor baut burleske Nebenhandlungen ein, zum Beispiel die kurze Affäre von Jims Schwester mit dem schmierigen Handwerker Lance, der nicht nur die Renovierung des Landhauses kostentreibend verzögert, sondern auch noch ganz unbefangen von seiner kriminellen Vergangenheit erzählt.

Für Internet-Neulinge, im Webslang „newbies“, vermittelt er ganz hübsch, wie sich das Spiel mit Avataren anfühlt. „Life Of Lore“ verbindet Elemente von „Second Life“ mit Rollen- und Actionspielen à la „World Of Warcraft“ und „Tomb Raider“. Jims unbeholfene erste Schritte in die virtuelle Welt lesen sich amüsant. Schon vorher haben er und Renata festgestellt, dass man im digitalen Paralleluniversum echtes Geld verdienen kann: Jeff hat einen Scheck zugeschickt bekommen.

Es gehört zu den Elementen, die die Handlung voranbringen, dass im Internet ein 20-jähriger Neuseeländer durchaus ein Londoner im besten Alter sein kann. Auch Jim sollte sich in Acht nehmen. Ein erfahrener Netz-User wie Luther, der geheimnisvolle Guru, der Neulingen gegen Bezahlung Hilfe anbietet, liest in ihm wie in einem Buch: „ich würde vermuten, du bist verheiratet und hast kinder. Wahrscheinlich bist du um die vierzig, fünfzig. Du bis alte schule, das sehe ich daran, wie du noch großbuchstaben verwendest, grammatik, keine abk., du hältst dich zurück mit ausrufezeichen.“ McCarten schildert schön, wie Jim dem Netz verfällt: „Er schaut auf die Uhr. Vier Uhr morgens. Wo sind die Stunden geblieben?“

Am Ende kommen Jim und Renata einigermaßen heil aus dem Schlamassel. Sie finden auch ihren Sohn wieder. Dies ist ein Unterhaltungsroman mit einem Lehrplan. Wie formuliert es Luther so schön: „geschichten sind landkarten für die erziehung des herzens. sie warnen uns. sie locken uns. sie führen, beflügeln, tadeln. sie sind großartige ratgeber.“ Vielleicht aber kann man Luther auch nicht alles glauben.

Anthony McCarten: Ganz normale Helden. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Diogenes Verlag, Zürich. 454 S., 22,90 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare