Anthony McCartens „funny girl“ berührt

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Anthony McCarten

Von Achim Lettmann Ihre Mutter sagt: „Je mehr wir nachdenken, desto mehr machen wir falsch.“ So ein Spruch ist nichts für eine 20-Jährige, die in London lebt und Antworten auf die Krisen und Gegensätze unserer Zeit sucht. Azime streitet auch mit ihrem Vater und dem jüngeren Bruder Zeki, nur Döndü, die kleine Schwester, hält zu ihr. Sie will wie Azime keine echte Muslima sein.

Das Spannungsfeld der Familie Gevas ist in Anthony McCartens Roman „funny girl“ schnell umrissen. Die Gevas sind Kurden, die ihr Stückchen Land in Anatolien verlassen mussten, um wenigstens die nackte Haut zu retten. Was hält sie in einer Metropole wie London zusammen? Der Glaube, die Volksgemeinschaft, die Familie... so leben Mutter Sabite und Vater Aristot, der billige Möbel anbietet, im Stadtteil Harringay. Hier entkommen muslimische Mädchen nur, wenn sie ein Ehemann mitnimmt. Die Tristesse wird von McCarten nicht sozialverträglich beschwert, sondern erzählerisch forciert. Immerhin hat der Autor, 1961 in Neuseeland geboren, mit Stephen Sinclair den Theaterhit „Ladies Night“ geschrieben, der als Kinokomödie „Ganz oder gar nicht“ 1997 zum Welterfolg wurde. Das Thema Arbeitslosigkeit bearbeitete er damals mit Witz und Ideen.

Auch in „funny girl“ zeigt McCartens seine Klasse. Die hellwache Azime hat ein Talent. Sie ist sarkastisch und will Comedian werden. Ihr Kunstgriff, sie tritt mit einer Burka auf und wagt den Tabubruch. Die Schimpftiraden der Eltern auf der einen und die U-Bahn Attentate in London auf der anderen Seite, bilden die Angst- und Drohkulisse für diesen intelligent geschriebenen Roman. Mittendrin ist Azime, die Morddrohungen erhält, weil sie als Muslima Witze über Muslime macht.

Gleich in mehreren Erzählformen spielt sie die Hauptrolle. Der Krimi: Azimes Mitschülerin wird aus dem achten Stock geschubst, nachdem sie sich samt italienischem Freund von der kurdischen Familie abgewandt hatte. War es ein Ehrenmord, den der Vater verübt hat? Oder Selbstmord? Azime ermittelt. Der Bildungsroman (coming-of-age): Azime wird von ihrer Familie als heiratsfähige Frau definiert, sie will aber als modernes britisches Mädchen gelten und Anerkennung in der Comedyszene. Die Liebesgeschichte: Azime lernt zufällig Enim kennen, nachdem sie einen viel zu alten Mustafa ignoriert hat. Aber weil sie doch keinen Sex vor der Ehe will, ist das Abenteuer schnell beendet. Wird Enim, ein moderner Türke aus dem Finanzdistrikt, wiederkommen?

Anthony McCarten lässt Azime sehr selbstironisch berichten. Ihre Auftritte sind amüsant, ihre Hoffnung beseelt; denn sie denkt, dass nur das Lachen, die verschiedenen Kulturen befriedet. McCarten hält das Mögliche und Unmögliche in einer Balance, die einen immer wieder fragen lässt, wie Gegensätze überwunden werden. Wie geht Azime mit ihrem 16-jährigen Bruder um, der sie schlagen durfte? Kann sie ihrer Freundin Banu helfen, die Gewalt in der Ehe erfährt und sich gewöhnt? Versöhnt sich Azime mit ihrer Familie?

McCarten schreibt eine wunderbar druckvolle Geschichte, in der Zuversicht, Offenheit und Mut helfen. Es gelingt ihm, die Konfliktzonen auszuleuchten, ohne die Menschen zu verunglimpfen. Es muss eine Lösung für die eine Welt geben, ist vor allem das Motiv des Autors, eine Figur wie Azime zu erfinden. Übersetzt heißt ihr Name, „ein Mensch, der für wichtige Dinge kämpft“.

So zählt McCarten zu denen, die ein bisschen die Welt retten wollen. Er wird dabei zu keinem Zeitpunkt melancholisch oder betulich. Es hilft eben nur der Geist der guten Tat, ist seine Botschaft. Oder wie es Azimes Comedy-Lehrerin gesagt hat: Sie muss weitermachen und auf die Bühne gehen, „weil sie es muss“.

Anthony McCarten: funny girl. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gariele Kempf-Allié. Diogenes Verlag, Zürich. 374 S., 21,90 Euro

Quelle: wa.de

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