Ansgar Weigner inszeniert Hindemiths Lustige Oper „Neues vom Tage“ in Münster

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Stilecht in der Mode der 1920er Jahre: Henrike Jacob und Gregor Dalal in der Oper „Neues vom Tage“ in Münster.

Von Anke Schwarze

MÜNSTER - 1929 lässt Tempo seine Papiertaschentücher patentieren, Hollywood erstmals den Oscar verleihen und der Schwarze Freitag die Börsen zusammenbrechen: Eine Zeitungsnotiz jagt die nächste über das Bühnenbild. Am Theater Münster wird „Neues vom Tage“ gespielt, eine Oper von Paul Hindemith. Mal geben sich die Schlagzeilen wie Stummfilm- Zwischentitel, mal wie ein Live-Ticker. Ansgar Weigner platziert die musikalische Satire auf Massenmedien stilecht in die „Wilden Zwanziger“. Und spielt auf eine tatsächliche Begebenheit an: Als der Komponist die Noten 1929 an einen Musikverlag schickte, beklebte er die Pappdeckel seiner Partitur mit Zeitungsausschnitten. Aktuell wie eine Tageszeitung sollte seine lustige Oper sein, so die Botschaft.

Nicht von ungefähr lässt Weigner immer wieder die Meldung senden, dass 1929 auch Lehars Operette „Land des Lächelns“ 1929 uraufgeführt wurde. Schließlich versteht sich „Neues vom Tage“ als Parodie auf Operetten-Sentimentalität und die großen Gefühlen der Oper. Eine Emotionalität, die im sachlichen und krisengeschüttelten Berlin der 1920er-Jahre keinen Platz mehr zu haben schien. Folgerichtig werden in Münster die Scheidungen wie Hochzeiten inszeniert, wozu Lukas Schmid als zuständiger Standesbeamte eine priesterlichen Bass intoniert. Im Großraumbüro einer schläfrigen Bürokratie rattert ein Beamtenchor mechanisch seine Anweisungen herunter. Die Formulare werden im Takt gestempelt. Eine anonyme Masse – Opernchor und Extrachor des Theaters in grauen Trenchcoats – giert nach jeder neuen Sensation. Informationen werden so gedankenlos konsumiert wie der Kaffee, der bei einer Museumsführung verlockender ist als eine 3000 Jahre alte Venus-Statue „mit drei Sternen im Baedecker“. Nicht einmal der Führer merkt, dass die Statue am Anfang durch eine Donald-Duck-Figur ersetzt worden ist.

Ein Lichterrahmen aus Glitzersternchen verleiht der Oper Revuecharakter. Dazu passen auch die schnellen Szenenwechsel der Drehbühne. Dem rundum gelungenen Bühnenbild entsprechen gut platzierte Gags und konsequente Parodien. Die Oper lebt vom Kontrast einer Musik, die operngemäße Dramatik aufbaut – und sich textlich über die Vorzüge der Warmwasserversorgung auslässt. Dazu paradiert der schöne Herr Hermann in einem tief ausgeschnittenem, zeitgenössischen Männerbadeanzug. Trifft sich Laura mit ihrem gekauften „Scheidungsgrund“ im Museum, inszeniert dieser eine bühnenreife Liebesszene à la Tosca oder La Traviata. Dabei winden sich die Sänger im Luftstrom einer Windmaschine, die Herbstblätter aufwirbelt.

Das Ensemble hat einen Heidenspaß daran, theatralische Gesten zu überziehen. Tilmann Unger knödelt als schöner Herr Hermann – mit halbseidenem Adolphe-Menjou-Bärtchen – in der hellen Strahlemanier eines Richard Tauber. Henrike Jacob (Laura) und Lisa Wedekind (Frau M.) fluchen zu messerscharfen Koloraturen. Ihre „Männer“ Gregor Dalal (Eduard) und Fritz Steinbacher (Herr M.) giften zurück – in elegischen Rezitativen. Die Paare finden sich in schönster Innigkeit, nachdem sie sich gegenseitig ihrer Scheidungslust versichert haben. Der Chor hämmert Schlagzeilen in akkuratem Staccato heraus. Das Orchester agiert wunderschön lautmalerisch, mit maunzenden Klarinettentönen, drängenden Bässen und schriller Perkussion.

Die liebevolle Ausstattung bleibt der Entstehungszeit der Oper verhaftet – bis hin zu den Thonet-Stühlen in der Schlussszene. Doch der gegenwärtige Bezug bleibt nicht außen vor. Greifbar wird er, wenn sich am Ende Frau und Herr M. in den ersten Rang begeben und dort Popcorn mampfend der Scheidungs-Inszenierung von Laura und Eduard entgegen fiebern. Intime Angelegenheiten werden öffentlich vorgeführt – in der Hinsicht behält Hindemiths Oper auch heute noch ihren Anspruch auf Aktualität.

Termine 15., 28. 3.; 17., 26., 28. 4.; 2., 4. 5.; 11. 6.

Tel. 0251 / 59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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