Anselm Webers Bilanz am Schauspiel Bochum

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Wechselt 2017 nach Frankfurt: Bochums Schauspielintendant Anselm Weber.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Über Zahlen möchte Anselm Weber lieber nicht sprechen. Aber nun, da feststeht, dass er 2017 nach Frankfurt wechselt, rechnet der Intendant des Schauspielhauses Bochum ab. Seine vorläufige Bilanz sieht so schlecht nicht aus, zumindest, wie er sie gestern bei der Programmvorstellung für die nächste Bochumer Spielzeit darstellte.

Bislang wurden 160 000 Besucher gezählt, am Ende der laufenden Spielzeit werden es rund 185 000 sein. Das ist eins der besten Ergebnisse in Bochum. Er hat in den letzten Jahren 22 Stellen abgebaut, die Zahl der Vorstellungen reduziert und trotzdem mehr Besucher angelockt und mehr Erlöse eingespielt. Und doch sind die Zahlen der Grund für Webers Wechsel. Denn der Bochumer Stadtrat hat beschlossen, dass in Zukunft Personalkosten gedeckelt werden. Tariferhöhungen gleicht die Stadt nicht mehr aus. Das Theater muss sie aus dem Etat bestreiten – was weitere Kürzungen und weiteren Stellenabbau bedeutet. Drei Prozent Lohnerhöhung bedeuten eine halbe Million Mehrkosten, rechnet Weber vor. „Das kann ich nicht erwirtschaften“, sagte er. Er wies darauf hin, dass in Frankfurt, seiner künftigen Wirkungsstätte, die Stadt Tariferhöhungen zu 90 Prozent ausgleichen werde. Und er kritisierte die Ökonomisierung der Kunst. „Meine Aufgabe ist es, diesen Leuchtturm zu beschützen“, sagte er. Nun, da das nicht mehr möglich ist, geht er.

Aber Weber mag nicht nur über Zahlen reden. Er nutzte die Gelegenheit auch zur Abrechnung mit Kritik, die ihn offensichtlich nicht unberührt ließ. Bochum habe ein großes Theater in einer relativ kleinen Stadt, führt er aus. Um möglichst breite Schichten anzusprechen, könne er da kein Spezialistentheater machen. Aber er wehrt sich dagegen, dass das Haus inzwischen über publikumsträchtige Produktionen wie den Grönemeyer-Liederabend „Bochum“ und Kästners „Drei Männer im Schnee“ wahrgenommen werde. Daneben gebe es auch sperrige, anspruchsvolle Produktionen wie „Gift“ und „Die Gespenster des Kapitals“. Und ein Stück wie „Freitag“ halte er auf dem Spielplan, weil er davon überzeugt sei, „selbst wenn wir vor 100 Leuten spielen“. Dass es für Bochum seit Jahren keine Einladung zum Berliner Theatertreffen gab, spreche nicht gegen die Leistung des Hauses. Die Jury urteile subjektiv. Und manche Produktion sei theatertreffentauglich gewesen.

Und so stellt sich auch der vorletzte Spielplan Webers für Bochum als Mischung dar aus Populärem und thematisch Ambitioniertem. Zur Eröffnung inszeniert Tamás Ascher Tschechows „Kirschgarten“ (5.9.). Der wohl berühmteste ungarische Regisseur wurde 2014 von der Orban-Regierung als Direktor der Theaterakademie Budapest entlassen. Er inszenierte in Paris, Sarajevo, Berlin und 2012 in Sydney mit Cate Blanchett „Onkel Wanja“. Zugkräftig wird sicher Monty Pythons Musical „Spamalot“. Dietmar Bär spielt den Dorfrichter in Webers Inszenierung von Kleists „Der zerbrochne Krug“.

Aber auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer wird wieder mit einer schrägen Produktion vertreten sein, diesmal dem Science-Fiction-Spektakel „Krieg der Welten“. Christoph Nussbaumeders Stück „Das Fleischwerk“ über die zynischen Mechanismen des Schlachtbetriebs wird uraufgeführt. „Vater“, ein in Frankreich überaus erfolgreiches Stück über Demenz von Florian Zeller, wird inszeniert.

Und auch die neue Tanzproduktion des Renegade-Ensembles steht an, diesmal eine Version von „Einer flog über das Kuckucksnest“.

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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