Aus der Normandie

Anne Weber liest bei den Ruhrfestspielen

Anne Weber, Trägerin des Deutschen Buchpreises
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Anne Weber, Trägerin des Deutschen Buchpreises

„Annette, ein Heldinnenepos“ ist Anne Webers Bucherfolg. Zum Weltkriegsende spricht sie am 8. Mai über Widerstand und ihre Heldin.

Recklinghausen/Berlin – Anne Weber hat sich zurückgezogen. In der Normandie fand die Trägerin des Deutschen Buchpreises einen Ort, wo sie in aller Ruhe schreiben kann – fern von Paris. Für die Ruhrfestspiele und den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) öffnete sie ein Fenster, um am 8. Mai aus ihrem Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ zu lesen. Es geht an dem Tag um das Ende des 2. Weltkriegs und die Befreiung vom Faschismus 1945. Das Fenster ist Anne Webers Laptop-Monitor. Sie ist während des Live-Streams der Ruhrfestspiele zu sehen, wie sie auf Thomas Böhms Fragen antwortet. Der Literatur-Experte steht mit DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell zusammen und erörtet anfangs in Berlin, welchen Mut Menschen aufgebracht haben, gegen Nationalsozialismus und Unterdrückung zu kämpfen. Körzell erwähnt Résistance-Mitglieder wie den Deutschen Peter Gingold, der bereits 1933 nach Frankreich geflohen war. Außerdem den Kommunisten Emil Carlebach, später ein Mitbegründer der Frankfurter Rundschau, und den Gewerkschafter Willy Schmidt, der während der NS-Zeit im Zuchthaus und in KZs inhaftiert war. Sie alle haben Körzell beeindruckt.

Beeindruckend ist auch die Lebensleistung von Anne Beaumanoir, die im Zentrum von Anne Webers Roman steht und Annette genannt wird – „Annette, ein Heldinnenepos“. Dies ist auch der Grund für den DGB, mit Weber die Veranstaltung „Dialog“ für die Ruhrfestspiele zu initiieren. Die Schriftstellerin war der Résistance-Kämpferin Beaumanoir zufällig in Südfrankreich begegnet. Ihre Geschichte ist zu einem Epos in Versform geworden, das Weber die bislang höchste literarische Anerkennung als Autorin einbrachte.

Thomas Böhm eröffnet den Dialog mit Fragen zu Anne Beaumanoirs Vorfahren. Im 19. Jahrhundert gaben „habelose Bauern“ ihre Kinder an wohlhabende Familien. Beamanoirs Großmutter blieb bei den Herrschaften und erhielt als Jahreslohn „ein paar neue Holzschuhe“. Es war eine Leibeigenschaft in der damals rückständigen Bretagne. Ihre Enkelin Anne kam 1923 in einer Fischerhütte zur Welt. Sie erlebte 1940 in Paris den Einmarsch der Deutschen.

Anne Weber spricht davon, dass sie ein „Erinnerungsbuch“ geschrieben habe. Sie sei keine Historikerin. „Auch in Biografien gibt es keine Objektivität“, sagt Weber, die im Text offen anspricht, dass sie nicht alles weiß. Seit 37 Jahren lebt Weber in Frankreich. Dass sie immer wieder französische Begriff in ihren Text einflicht, liege daran, dass die Unterschiede in den Sprachen sie so reizen. „Soupe au lait“ heißt die Milchsuppe und meint einen aufbrausenden Menschen im Französischen, der schnell hochkocht. Hinter Anne Weber ist im Zimmer ein Kaminsims mit Büchern und gerahmten Bildern zu sehen. Eine große Schale steht auf dem Teppich. Sie liest konzentriert. Es kommt zu keiner Plauderei mit Thomas Böhm, wörtlich und ernst nimmt sie jede Frage. „Anne Beaumanoir war in der Résistance ein kleines Rad, sie war wie ihr eigener Schatten“, sagt Weber, weil sie niemandem erzählen durfte, welche Aufgaben sie wahrnahm und nur eine Kontaktperson in der Résistance hatte. Unter Folter hätte sie nicht viel verraten können.

Beaumanoir wurde in Friedenszeiten Ärztin und dreifache Mutter. Ende der 50er Jahre kämpfte sie für die algerische Unabhängigkeit, nachdem sie erfahren hatte, dass französische Soldaten im Namen ihres Landes Nordafrikaner folterten. Aus Webers Leseduktus spricht Anerkennung für eine Frau, der der Kampf für Menschenrechte so nötig war. Als Heldin sehe sich Anne Beaumanoir (97) nicht, sagt Anne Weber.

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